Campion. Tödliches Erbe (eBook)
272 Seiten
Klett-Cotta (Verlag)
978-3-608-12385-2 (ISBN)
Margery Louise Allingham (1904-1966) war eine englische Schriftstellerin. Sie wird neben Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Ngaio Marsh zu den »Queens of Crime«, den wichtigsten vier Autorinnen von Detektivromanen des goldenen Zeitalters, gezählt.
Margery Louise Allingham (1904-1966) war eine englische Schriftstellerin. Sie wird neben Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Ngaio Marsh zu den »Queens of Crime«, den wichtigsten vier Autorinnen von Detektivromanen des goldenen Zeitalters, gezählt.
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»Wenn Sie das hier annehmen, Sir«, sagte der Polizist, während er dem heruntergekommenen Mann einen Schilling in die Hand drückte, »haben Sie einen Nachweis, dass Sie nicht mittellos sind, und ich muss Sie nicht festnehmen. Aber ich muss Sie bitten weiterzugehen«, fügte er leicht verlegen hinzu. »Der Inspektor kann jeden Moment hier vorbeikommen.«
Percival St. John Wykes Gyrth, einziger Sohn des Baronet Colonel Sir Percival Christian St. John Gyrth, des Herrn von Tower bei Sanctuary in der Grafschaft Suffolk, wurde rot vor Scham, steckte die Münze in die Hosentasche und lächelte seinen Wohltäter an.
»Danke, Baker«, sagte er. »Das ist wirklich sehr nett. Ich werde es Ihnen nicht vergessen. Und wo, zum Teufel, kann ich mich hinsetzen, ohne verjagt zu werden?«
Der Polizeibeamte blickte nervös die South Molton Street hinauf und sah den Inspektor bereits herankommen.
»Ebury Square – gleich an der Southampton Row«, murmelte er hastig. »Dort sind Sie hundertprozentig sicher. Gute Nacht, Sir.«
Damit war das Gespräch beendet; der Inspektor hatte die beiden inzwischen fast erreicht. Val Gyrth schob seinen schäbigen Hut tief in die Stirn, zog die Schultern hoch und trottete in Richtung Oxford Street. Der Nachweis, dass er nicht mittellos war, hüpfte einsam in der einzigen unversehrten Tasche seines Anzugs, eines Anzugs, den ihm einst ehrfürchtig der Schneider überreicht hatte, an dessen Laden er gerade vorbeiging. Er betrat die Oxford Street und strebte dem Oxford Circus zu.
Es war kurz nach Mitternacht, und die breite Straße lag fast leer da. Nur ein paar heimkehrende Nachtschwärmer waren zu sehen, hier und da ein Taxi und gelegentlich ein Bus.
Val Gyrth hielt sich nach Möglichkeit im Schatten der Häuser. Der Sommergeruch der Stadt, vertraut, warm und ein wenig an eine Drogerie erinnernd, stieg ihm in die Nase, und trotz seiner Müdigkeit schritt er rasch aus. Er machte sich die bittersten Vorwürfe. Die Situation war unmöglich, verfahren und lächerlich. Der alte Baker hatte ihm einen Schilling geschenkt, um ihn davor zu bewahren, an seiner eigenen Schwelle als Landstreicher festgenommen zu werden. Unvorstellbar!
Er hatte seit dem vergangenen Abend nichts gegessen, doch an der Imbissstube, die an seinem Weg lag, ging er achtlos vorbei. Seit vier Uhr nachmittags verspürte er zu seinem Erstaunen keinen Hunger mehr. Das leichte Schwindelgefühl, das ihn stattdessen befallen hatte, erschien ihm bedeutend angenehmer.
Sein Fuß brannte dort, wo er durch ein Loch in der Sohle seines teuren Schuhs mit dem Pflaster in Berührung kam, und er begann zu hinken, als er schließlich auf einen schmuddeligen kleinen Platz einbog, dessen gepflasterter Mittelpunkt von zwei Reihen staubiger Platanen gesäumt wurde. Unter den Bäumen standen, umgeben vom Abfall eines langen Sommertages, mehrere wacklige Holzbänke, auf denen sich bereits einige zweifelhafte Gestalten niedergelassen hatten. Val Gyrth entschied sich für eine freie Bank, die etwas abgesondert unter einer Straßenlaterne stand. Er sank darauf nieder und spürte zum ersten Mal richtig, wie müde er war.
Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch das sehr helle Haar, über dessen zunehmende Länge er sich immer wieder ärgerte. Er war ein kräftiger junger Mann Mitte zwanzig mit einem vollen, keineswegs unschönen Gesicht und einem eigensinnigen Ausdruck; ein reiner angelsächsischer Typ, dessen starke Knochen durch eine unnatürliche Magerkeit noch hervorgehoben wurden.
Er seufzte, schlug den Kragen hoch und wollte gerade die Füße aus dem Durcheinander von Papiertüten, Orangenschalen und Zigarettenschachteln heben und auf die Bank legen, da stutzte er. Er richtete sich auf und starrte vor sich auf den Boden. Es überlief ihn siedend heiß. Ein Schreck durchfuhr ihn, der sein Herz unangenehm hämmern ließ.
Mitten unter all dem Abfall erblickte er seinen eigenen Namen auf einem zerfledderten Briefumschlag.
Er hob ihn auf und bemerkte erstaunt, dass seine Hand zitterte. Der Name war unverwechselbar: P. St. J. W. Gyrth, Esq. stand da deutlich in einer Handschrift, die er nicht kannte.
Er drehte das Kuvert um. Es war aus teurem Papier und leer. Am oberen Rand war es von einer anscheinend ungeduldigen Hand aufgerissen worden. Er starrte es eine Weile an und fühlte sich irgendwie unwirklich. Die Adresse war ihm völlig unbekannt: Kemp’s, 32a Wembley Road, Clerkenwell, EC l.
Er starrte die Wörter an, als müssten sie sich vor seinen Augen verwandeln, doch sie blieben klar und unmissverständlich. P. St. J. W. Gyrth, Esq.
Ihm fiel nicht ein, daran zu zweifeln, dass es sich um seinen eigenen Namen handelte und dass der Brief ursprünglich für ihn bestimmt gewesen war. Der Name Gyrth – an sich schon ungewöhnlich – zusammen mit dieser Ansammlung von Initialen ließ ihn gar nicht auf den Gedanken kommen, der Brief könnte an jemand anderen gerichtet sein.
Nachdenklich betrachtete er die Handschrift und versuchte, sie jemandem zuzuordnen. Sie gab ihm Rätsel auf. Sie war klar und eckig, mit dicken Abstrichen und scharfem griechischen E; eine individuelle Handschrift, nicht leicht zu vergessen. Er untersuchte den Poststempel, und seine Verwirrung wandelte sich in blankes Erstaunen. Der Stempel war vom 15. Juni. Heute war der 19. Juni. Der Brief war also nur vier Tage alt.
Val besaß seit über einer Woche keine Adresse mehr. Und doch war er sicher, obwohl es ihm etwas unheimlich vorkam, dass jemand ihm geschrieben hatte und jemand anderes den Brief erhalten und den Umschlag weggeworfen hatte, damit er ihn finden sollte.
Er sah sich noch einmal die Adresse auf dem rätselhaften Kuvert an: 32a Wembley Road, Clerkenwell. Das war nicht weit von dem Platz entfernt, wo er gerade saß, und der Drang hinzugehen, um herauszufinden, ob es etwa noch einen P. St. J. W. Gyrth auf der Welt gab, wurde sehr stark.
Eigentlich war er ein konservativer Mensch, und unter normalen Umständen hätte er die Sache vielleicht mit einem Achselzucken abgetan. Aber im Moment war er völlig auf den Hund gekommen. Ein Mann, der buchstäblich haltlos ist, ist wie ein Strohhalm im Wind: der geringste Lufthauch genügt, ihn in eine neue Richtung zu treiben. Zeit und Energie haben keinen Wert, alles ist der Mühe wert. Von Neugier getrieben stand er daher auf und überquerte den Platz.
Clerkenwell nach Mitternacht ist eine der scheußlichsten Gegenden im Osten Londons, und die abgerissene und heruntergekommene Erscheinung des jungen Mannes erregte bei den wenigen Leuten, die noch unterwegs waren, keinerlei Aufmerksamkeit.
Er entdeckte zwei Polizisten, die er nach dem Weg fragte. Dabei hielt er krampfhaft den Schilling umklammert, den ihm ihr Kollege geschenkt hatte. Sie erklärten ihm gemächlich den Weg, und schließlich überquerte er eine schmutzige, schlecht beleuchtete Straße, gesäumt von niedrigen Häusern und schäbigen kleinen Läden, deren verstaubte Auslagen alle aus zweiter Hand zu stammen schienen.
Nummer 32a war eins der wenigen Etablissements, die noch offen hatten.
Es handelte sich um ein nicht sehr vertrauenerweckendes Restaurant, dessen Eingang im Souterrain einen guten halben Meter tiefer als der Gehsteig lag. Sogar Val Gyrth, den eigentlich nichts mehr schreckte, zögerte, bevor er eintrat.
Die halbverglaste Eingangstür des Lokals war mit billiger Reklame für Schuhcreme und Karamellbonbons beklebt, und das Licht von drinnen drang nur schwach durch das schmutzige Ölpapier.
Gyrth warf noch einmal einen Blick auf den Briefumschlag und fand, dass er zweifellos an der richtigen Adresse war. Die Nummer 32a stand auf einem weißen Emailschild über der Tür, und der Name Kemp’s war in halbmeterhohen Lettern an der Hausfront angebracht.
Abermals kam ihm die Absurdität seines Tuns zu Bewusstsein, und er zögerte, doch dann wiederholte er sich, dass er nichts zu verlieren und nur seine Neugier zu stillen hatte. Er drehte den Türknauf und stieg in den Raum hinab.
Drinnen war die stickige Luft so von Dampf erfüllt, dass er einen Moment lang nicht sehen konnte, wo er sich befand. Er blieb kurz stehen und versuchte, in dem Dunst etwas zu erkennen. Schließlich machte er einen langen, tristen Raum mit hohen schmierigen Nischen an den Seiten aus, in denen aber anscheinend niemand saß.
Am Ende des Ganges zwischen den Tischen befanden sich ein Tresen und ein Herd, der das meiste zur Beschaffenheit der Atmosphäre beitrug. Auf diesen gastronomischen Altar schritt nun der junge Mann zu, den Briefumschlag in der Manteltasche fest umklammernd.
Da niemand zu sehen war, klopfte er zaghaft auf die Theke. Im nächsten Moment wurde eine Tür rechts neben dem Herd aufgerissen, und es erschien ein Koloss von einem Mann mit dem größten und traurigsten Gesicht, das Val je gesehen hatte. Der Mann hatte statt einer Schürze ein kleines Tischtuch vorgebunden, und seine mächtigen muskulösen Arme waren bis zu den Ellbogen entblößt. Im Übrigen war er kahlköpfig, und sein Nasenbein hatte einen nicht wieder gutzumachenden Schaden erlitten.
Er betrachtete den jungen Mann aus kummervollen Augen.
»Eine schöne Zeit, sich auf einen Happen Essen zu besinnen«, bemerkte er, mehr bekümmert als wütend, mit Grabesstimme. »Alles ist aus, außer Wurst und Kartoffelbrei. Ich esse gerade den letzten Rest Gulasch.«
Gyrth fühlte sich von dieser melancholischen Leutseligkeit beruhigt. Es war einige Zeit her, seit ein Wirt ihn mit so etwas wie Höflichkeit...
Erscheint lt. Verlag | 15.2.2025 |
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Reihe/Serie | Campion |
Übersetzer | Edith Walter |
Verlagsort | Stuttgart |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | Agatha Christie • britische Kriminalromane • Britischer Krimi • Cosy Crime • Cozy Crime • Detektivgeschichte • detektivroman • Dorothy L. Sayers • england krimi • Englischer Krimi • Enola Holmes • Ermittler • Ermittlerduo • gemütlicher Krimi • golden age krimi • Hercule Poirot • Klassischer Krimi • Kriminalfall • Krimi wie Miss Marple • Lidia Poet • Lieblingskrimi • neue Krimi Reihe • neue Krimis • Neuer Krimi 2025 • Neues Buch 2025 • Queen of Crime • Sherlock Holmes • Suffolk • Whodunnit |
ISBN-10 | 3-608-12385-7 / 3608123857 |
ISBN-13 | 978-3-608-12385-2 / 9783608123852 |
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