Unser täglich Blut (eBook)
477 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7325-7794-1 (ISBN)
Niemand kennt den Autor. Aber angeblich ist er Brite, und Sie finden ihn auf Facebook unter "Bourbon Kid".
Niemand kennt den Autor. Aber angeblich ist er Brite, und Sie finden ihn auf Facebook unter "Bourbon Kid".
♦ EINS
Baby betrachtete prüfend ihr Spiegelbild. Sie hatte nie zuvor eine Brille getragen und stellte überrascht fest, wie alt sie damit aussah. Sie war erst zwanzig, aber die Brille machte sie mindestens fünf Jahre älter. Das Ding gehörte zu ihrer Undercover-Staffage. Baby sollte als Psychiaterin in einer privaten Nervenklinik durchgehen können. Auf Empfehlung ihres Freundes Joey (der ein Gutteil seines Lebens als Patient in einem Irrenhaus verbracht hatte) trug sie jetzt einen langen weißen Kittel mit schlichter blauer OP-Kleidung darunter. Die Idee dabei war, keine Aufmerksamkeit zu wecken, damit sie, wenn sie in der Lady-Florence-Nervenklinik auftauchte, ihren Auftrag ausführen konnte, ehe irgendjemand bemerkte, dass sie eine Hochstaplerin war.
Sie wünschte sich, Joey könnte sie begleiten, aber er war auf einen anderen Einsatz geschickt worden. Baby sah sich jetzt ihrer ersten Solomission gegenüber, seit sie Mitglied der Dead Hunters geworden war. Ihre Zeit im Team hatte bislang überwiegend der Ausbildung gedient. Sie hatte den Umgang mit Pistolen und Messern geübt, aber obwohl sie mit diesen Dingern inzwischen recht gut umgehen konnte, war sie nach wie vor in einem Kampf das schwächste Teammitglied. Was sie allerdings gut draufhatte und was einigen anderen abging, das war eine Ader für den Umgang mit Menschen. Und obwohl man mit Fug und Recht behaupten konnte, dass auch ihre Kollegen Jasmine und Elvis das ganz ordentlich beherrschten, bestand diese Fertigkeit bei ihnen überwiegend darin, Angehörige des anderen Geschlechts zu verführen. Baby hingegen brachte Empathie und Verständnis für Menschen aus allen Lebensbereichen mit. Die Leute fühlten sich zu ihr hingezogen.
Als sie mit ihrer Erscheinung schließlich zufrieden war, verließ sie die Damentoilette und ging in den Kneipenraum hinaus, der sich zum Hauptquartier der Dead Hunters entwickelt hatte. Sie waren in einer Bar namens Fegefeuer eingezogen, die man in einer abgelegenen Gegend des Devil’s Graveyard fand, einer weitläufigen Wüste, die man nur mit Absicht oder als Opfer extremen Pechs aufsuchte. Dieser abgelegene Teil war für jeden unerreichbar, der noch nie dort gewesen war. Nur jemand, der schon Scratch begegnet war, dem Inhaber der Kneipe und Torwächter des dampfend heißen Ortes darunter, konnte eine verwunschene Kreuzung passieren, die zum Fegefeuer führte.
Scratch stand hinter der Theke und wartete auf Baby, als sie aus der Toilette zum Vorschein kam. Scratch war ein von lediglich zwei Farben geprägter Mann: Rot und Schwarz. Anzug und Hemd waren hellrot, Haut und Schlips hingegen vom tiefsten Schwarz. Heute trug er eine rote Melone auf dem Kopf, eine von vielen (oft albernen) roten Kopfbedeckungen, die er besaß. Es spielte keine Rolle, wie haarsträubend sie aussahen, denn sie alle passten zum Man in Red.
Baby setzte sich auf einen Hocker an der Theke.
»Du siehst toll aus«, fand Scratch. »Ich denke allerdings, dass du dir einen Pferdeschwanz binden solltest.«
Baby hätte sich in den Arsch beißen können. Sie hatte sich das Haar hochbinden wollen und ärgerte sich jetzt, dass sie es nur aus dem Grund vergessen hatte, weil sie sich dermaßen den Kopf über die Wirkung von Brille und Kittel zerbrach. Man konnte daran erkennen, wie nervös sie war.
»Das wollte ich gerade machen«, sagte sie und band sich die Haare mit einem blauen Band zum Pferdeschwanz.
Scratch schob ihr ein Klemmbrett über die Theke zu. »Damit kannst du Notizen machen, wenn du denkst, dass es hilft«, sagte er.
Baby nahm das Brett zur Hand. Ein paar Bögen weißes Papier waren darauf festgeklemmt. Sie holte einen Kugelschreiber aus der Brusttasche und zog die Kappe mit den Zähnen ab.
»Irgendwelche Tipps, wie ich anfangen sollte, Salvatore Rocco zu befragen?«, wollte sie wissen.
»Komm einfach gleich zur Sache«, sagte Scratch. »Frag ihn, warum er versucht hat, in dieses Landhaus in Colorado einzubrechen.«
»Ja, aber wie stelle ich mich ihm vor?«
»Sag ihm, Gott hätte dich geschickt.«
»Klingt das nicht verrückt?«
»Es ist ein Irrenhaus. Praktisch jeder dort ist verrückt. Rocco ist schon seit zwei Tagen da. Selbst wenn er nicht verrückt ist, denkt er inzwischen vermutlich, er sei es.«
Baby wusste nicht recht, ob das überhaupt Sinn ergab, aber sie nickte höflich. »Okay. Was dann? Was genau soll ich für dich herausfinden? Ich bin ein wenig unsicher.«
Scratch lächelte; er zeigte sich ihr gegenüber ungewöhnlich geduldig. »Nach der Zeitungsmeldung behauptet Rocco, er wäre in einem früheren Leben Julius Cäsar gewesen. Und du sollst für mich herausfinden, ob er vom Geist Kains besessen war.«
»Und wer genau war Kain, ehe er zum Geist wurde? War er jemand Wichtiges?«
»Hast du je das Alte Testament gelesen?«
»Vielleicht als Kind mal?«
»Also kennst du die Geschichte von Adam und Eva, nicht wahr?«
Baby nickte. »Mehr oder weniger.«
»Okay. Kain war der erstgeborene Sohn Adams und Evas. Er hatte einen jüngeren Bruder namens Abel. Abel war ein anständiger Kerl, aber Kain war ein Arschloch und auf Abel eifersüchtig. Er war auch ein Psychopath; tatsächlich war er der erste Psychopath überhaupt.«
»Der erste Psychopath überhaupt?«
»Ja. Und er war ein derartiger Psychopath, dass er Abel aus Eifersucht umgebracht hat.«
»Ich weiß. Ich erinnere mich vage«, sagte Baby.
»Gut, denn indem Kain seinen Bruder umbrachte, wurde er die erste Person, die jemals einen Mord beging. Das führte dazu, dass sein Geist, nachdem er gestorben war, nicht in den Himmel kam wie die Geister aller anderen. Damals gab es aber auch noch keine Hölle. Gott hatte noch nicht die Idee dazu gehabt, denn er dachte nicht, dass er eine brauchen würde. Also wurde Kains Geist dazu verflucht, für alle Ewigkeit auf der Erde umherzustreifen. Nach einiger Zeit fand Kain heraus, dass sein Geist in die Körper anderer Menschen eindringen konnte, und wenn diese Menschen hirntot waren oder im Koma lagen, konnte er sie übernehmen und ihre Gedanken beherrschen. Über viele Jahrhunderte hinweg hat er inzwischen von Hunderten Männern und Frauen Besitz ergriffen, und Julius Cäsar war der namhafteste Fall. In jüngerer Zeit war Kain für viele der einzelgängerischen Amokläufer verantwortlich, die du in den Nachrichten zu sehen bekommst.«
»Echt? Wer zum Beispiel?«
»Mach dir darüber vorläufig keine Gedanken. Es ist nicht wichtig. Was ich sagen wollte: Kain ist seit so vielen Tausend Jahren konstant bei wachem Bewusstsein, dass ihm völlig die Mütze weggeflogen ist.«
»Die Mütze?«
»Bekloppt, verrückt, irre, gaga.«
Baby hatte die Worte »die Mütze weggeflogen« auf dem Klemmbrett notiert. Das strich sie jetzt durch, denn sie wollte die Formulierung nicht später wiedersehen und sich fragen, was es eigentlich hieß.
»Okay, ich hab’s«, sagte sie und blickte zu Scratch auf. »Aber woran erkenne ich, dass Salvatore Rocco von Kain besessen war?«
»Zunächst mal siehst du dir seine Stirn an. Guckst mal, ob er eine Narbe darauf hat, die wie der Buchstabe K aussieht.«
Baby kritzelte die Information aufs Papier. »Und was besagt das?«
Sie blickte zu Scratch auf und konnte seiner Miene entnehmen, dass sie gerade eine weitere dumme Frage gestellt hatte. Scheiße, es lag ja auf der Hand, wofür das K stand! Sie wurde knallrot vor lauter Verlegenheit, und es wurde noch schlimmer, als Scratch entschied, die Frage trotzdem zu beantworten.
»Es wurde als Kainszeichen bekannt. Jeder, der es auf der Stirn trägt, war vermutlich irgendwann im Leben von Kain besessen.«
»Was, wenn Rocco immer noch besessen ist?«
»Das glaube ich nicht. Es sieht so aus, dass er wieder aus dem Koma erwacht ist, als die Sicherheitsleute in Colorado damit drohten, ihn zu erschießen. Vertrau mir, sobald Rocco wieder bei Bewusstsein war, hätte Kain nicht in seinem Körper bleiben können.«
»Aber könnte es nicht sein, dass Kain noch da drin steckt und nur so tut, als wäre er nicht da?«
Scratch schüttelte den Kopf. »Das bezweifle ich. Rocco behauptet, er würde das Leben mit den Augen Julius Cäsars sehen. Das würde Kain nie zugeben. Aber er hatte vor langer Zeit von Cäsar Besitz ergriffen, und es hat den Anschein, als ob Rocco diese Erinnerungen gesehen hat. Entweder das, oder Rocco ist total irre.«
Baby kritzelte ein paar weitere Notizen und hoffte, dass Scratch sie nicht sah, weil ihr wie Kauderwelsch vorkam, was sie da hinschrieb. Als sie mit Kritzeln fertig war, stellte sie eine Frage, die sie von Anfang an beschäftigt hatte.
»Was, wenn Rocco mich angreift?«
Scratch streckte die Hand über den Tresen aus und tätschelte ihr die Schulter. »Dann bringst du ihn um, Baby. Du bist jetzt umfassend ausgebildet. Sollte dieser Mann eine bedrohliche Bewegung machen, werden deine Instinkte übernehmen, glaub mir. Und sollte aufgrund irgendeines schrägen Umstands Kain noch in ihm stecken, wirst du sehen, wie er aus dem Körper weicht, wenn du Rocco umbringst.«
»Ihn umbringen?« Bei diesen Worten zitterte Baby. »Die Menschen lieben Salvatore Rocco!«
»Das haben sie«, pflichtete ihr Scratch bei. »Als er noch ein Rennfahrer war. Seit diesem Crash vor sechs Monaten ist er jedoch Gemüse. Er wird nie wieder Rennen fahren.«
»Die Ärzte hatten auch behauptet, er würde nie wieder gehen«, gab Baby zu bedenken.
»Das...
Erscheint lt. Verlag | 27.11.2019 |
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Übersetzer | Thomas Schichtel |
Sprache | deutsch |
Original-Titel | The Day it rained blood |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | 20. - 21. Jahrhundert • Apokaliptische Reiter • Apokalypse • Auftragskiller • Baby • blutig • Blutlinie • Bourbon Kid • bru • Clown • Cody McFadyen • Dan Brown • Dead Hunters • der Rote Irokese • Dolch • Elvis • ethan cross • Fitzek • Gänsehaut • Gruselroman • Hölle • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jasmine • Jason Dark • Joey • Kain • Lovecraft • Mystery • Nachfahre Jesu • Paranomal • Paranormale Phänomene • Profikiller • Psycho • Psychopath • Psychothriller • purgatory • Rodeo Rex • Sanchez • Schlitzer • Serienmörder • Sinclair • Slasher • Spannung • Splatter • Stephen King • Steven King • Thriller • todeskünstler • USA • Vatikan • Verschwörung • Zombies |
ISBN-10 | 3-7325-7794-5 / 3732577945 |
ISBN-13 | 978-3-7325-7794-1 / 9783732577941 |
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