Der erste Androide (eBook)
359 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-8190-5694-9 (ISBN)
Nils Greinert, 1999 in Osnabrück geboren, erlangte 2017 die Fachhochschulreife im Bereich Wirtschaft und absolvierte daraufhin eine Ausbildung als Zerspanungsmechaniker. 2024 hat er sich mit der Erstellung digitaler Medien selbstständig gemacht.
Nils Greinert, 1999 in Osnabrück geboren, erlangte 2017 die Fachhochschulreife im Bereich Wirtschaft und absolvierte daraufhin eine Ausbildung als Zerspanungsmechaniker. 2024 hat er sich mit der Erstellung digitaler Medien selbstständig gemacht.
Kapitel 1
In Meiyus Leben lief für gewöhnlich alles reibungslos ab. Sie wurde in Shogori, genauer gesagt in der Stadt Akeneas, geboren und da es nur einen Sektor gab, der für bessere Verhältnisse bekannt war, konnte sich Meiyu nie über irgendetwas beschweren. Sie lebte das Leben, das sich ihre alleinerziehende Mutter für sie gewünscht hatte und da diese jahrelang damit beschäftigt war, ihrer Tochter die Türen mit den bestmöglichen Zukunftsaussichten aufzustoßen, sträubte sich Meiyu auch nie gegen ihren bereits in Stein gemeißelten Lebenslauf. Sie hatte ihren Vater nie kennengelernt und dementsprechend schwer hatte es ihre Mutter oftmals, um ihrem einzigen Kind ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Susan Colmen hatte als Büroangestellte kein besonders hohes Einkommen, doch da schon ihre Vorfahren in diesem Sektor aufwuchsen und einen guten Ruf genossen, konnte sie sich stets vor einem Abstieg in den Bereich Iburo bewahren. Für Meiyu sah es derweil nicht mehr ganz so rosig aus. Nachdem sie in ihrem ganzen bisherigen Leben alle Erwartungen erfüllte oder sogar übertraf und als jüngste Ermittlerin der Spezialeinheit für Cyber-Kriminalität gefeiert wurde, kam in ihrem neunundzwanzigsten Lebensjahr der jähe Absturz.
Mittlerweile war sie einunddreißig Jahre alt und drückte bereits zum siebten Mal an diesem Morgen auf den Snooze-Knopf ihres Weckers. Hätte sie den Abzug genauso routiniert betätigt wie sie den Start ihres Tages hinauszögerte, wäre sie womöglich nie in dieser Lebenssituation gelandet. Im Posteingang ihres digitalen Briefkastens, welcher unter dreckiger Wäsche und Pizzakartons vergraben war, hatten sich bereits hundertdreizehn Nachrichten versammelt, die allesamt darauf warteten, gelesen zu werden. Mindestens die Hälfte der Nachrichten enthielten saftige Rechnungen, doch Meiyu war der Meinung, dass sie nicht von den vielen Zahlungsaufforderungen eingeholt werden könne, wenn sie sich nicht damit befassen würde. Vielleicht war auch eine Nachricht ihrer Mutter darunter, doch Meiyu wollte den Kontakt so gut es geht umgehen. Wenn sich Susan in diesem Moment im Raum befunden hätte, hätte sich Meiyu wohl ohne zu Zögern unter der Decke verkrochen, um ihrer Mutter den Anblick zu ersparen. Sie rieb sich die verkrusteten Augen, die aufgrund der Schlafprobleme blutunterlaufener wirkten als vor dem zu Bett gehen und richtete ihren Körper leicht auf. Ein Blick auf die Weckeruhr verriet ihr, dass es bereits vier Uhr Nachmittags war und die meisten Menschen bereits einen harten Arbeitstag hinter sich hatten, während sie noch nicht einmal genug Energie gesammelt hatte, um ihre Beine auf den Boden ihres verdreckten Schlafzimmers zu setzen.
„Lucy, welcher Tag ist heute?“, fragte sie schlaftrunken und ließ ihren Kopf wieder aufs Kissen sausen.
„Heute ist der neunzehnte Juli des Jahres 3250, Meiyu“, antwortete eine sanfte Stimme, welche man, wenn man es nicht besser wüsste, beinahe für echt halten konnte.
„Das Jahr hätte ich auch noch hingekriegt, aber Danke“, murmelte Meiyu und warf die Bettdecke, für welche es sowieso viel zu warm war, von ihrem Körper.
Seit sie ihren Job verloren hatte, war für Meiyu jeder Tag wie der andere, doch dieser sollte anders werden. Auch wenn die Wohnung und der Geldbeutel bereits bessere Tage gesehen hatten, durfte man Meiyu wenigstens ein paar Stunden lang nichts davon ansehen. Während sie die bereits ausgeblichenen lila gefärbten Haare ein wenig in Form brachte, machte sie sich Gedanken darüber, welche Fantasiegeschichte sie diesmal erfinden könnte. Immerhin würde es ein schlechtes Licht auf sie werfen, wenn sie ihrer besten Freundin, die aus sehr gutem Hause kam, die Wahrheit erzählen würde. Die Tatsache, ihre Arbeit verloren zu haben, konnte sie zwar nicht retuschieren, doch wie sie die vergangenen zwei Jahre verbrachte, konnte man in Erzählungen zumindest ein wenig abändern. Kurzerhand tauschte sie die Erinnerungen an die vielen Abende, an denen sie Fast Food in sich hineingeschoben hatte und sonst nichts anderes tat, als Bücher zu lesen oder Serien zu konsumieren, gegen die Erinnerung an Weiterbildungskurse, eindrucksvolle Kurzreisen und Podiumsdiskussionen in VR-Foren mit einflussreichen und renommierten Philosophen. Eigentlich machte sich Meiyu nicht viele Gedanken darüber, was andere über sie dachten, doch bei Sarina verhielt sich das anders. Bei ihr konnte es Meiyu einfach nicht egal sein, was sie von ihr dachte und der Hintergrund, der hinter ihrer besten Freundin steckte, verbesserte diesen Umstand auch nicht gerade. Sarina war die Tochter eines superreichen Unternehmers, der sogar Teil des Rates von Edara war. Sarinas Familie war also eine treibende Kraft im gesamten Land und wenn irgendein Familienmitglied davon Wind bekommen hätte, dass die Tochter des Hauses mit einer Person wie Meiyu befreundet war, würde Meiyu sie gewiss nie wiedersehen dürfen. Meiyu lernte Sarina kennen, als sie diese im Rahmen eines Polizeieinsatzes vor einem Androiden mit Fehlprogrammierung beschützte. Eigentlich sollte der menschenähnliche Androide der neuesten Baureihe von Asama-Technology nur die Partygäste mit Drinks versorgen, als dieser plötzlich damit begann, von einer Raummission zu erzählen, bei welcher Menschen den Planeten vor Jahrhunderten in Scharen verlassen haben sollen. Was zuerst nur für Gelächter sorgte, artete schnell in einer Geiselnahme der Milliardärstochter aus, die erst Stunden später durch die Hand von Meiyu gerettet werden konnte. Was genau hinter der misslungenen Programmierung steckte, konnte auch Jahre danach nicht eindeutig festgestellt werden. Zwischen der damals erst achtzehnjährigen Sarina und Meiyu entstand dabei allerdings ein Band, das noch immer Bestand hatte und auch von den Gerüchten rund um Meiyu bislang nicht erschüttert werden konnte. Sarina fand in Meiyu einen Schlüssel in eine Gesellschaftsschicht, die ihr zu diesem Zeitpunkt völlig neu war und dementsprechend viel Neugier in ihr weckte. Meiyu war bei ihrer ersten Verabredung noch unsicher, wie sie sich gegenüber einer so wichtigen Persönlichkeit verhalten sollte, doch entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft, die Meiyu nicht mehr missen wollte. Sie wusste nicht genau, woran es lag, doch auch an diesem Tag freute sie sich unheimlich darauf, Sarina zu treffen und dafür nahm sie auch in Kauf, sich in die Hauptstadt Maganara begeben zu müssen, welche schon beim ersten Mal eine unheimliche Wirkung auf sie hatte. Maganara befand sich im Sektor Asama und beheimatete die wohlhabendsten und zeitgleich arrogantesten Menschen, die man im gesamten Land finden konnte. Was für Sarina Alltag war, versetzte Meiyu selbst sieben Jahre später noch ein wenig in Panik. Im Laufe ihres Lebens hat sie die Hauptstadt nur wenige Male zu Gesicht bekommen und das auch bloß während ihrer Arbeit oder durch die Treffen mit ihrer besten Freundin. Ohne die Genehmigung einer staatlichen Institution oder einer Person, die in Asama wohnhaft ist, durfte man den Sektor der Superreichen schließlich nicht einmal betreten.
Während sie auf den Zug wartete, bereute Meiyu ihren Entschluss ein wenig. So sehr sie sich auch auf Sarina freute, fühlte sie sich einfach nicht bereit für den Trubel, der sie in den folgenden Stunden erwartete. Bereits am Bahnsteig wurde sie von den der Anzahl an Menschen überwältigt und spürte eine Enge in der Brust, die sie aus ihrem früheren Leben nicht kannte. Die Isolation in ihren eigenen vier Wänden, schien ihr nicht gut zu tun oder war es vielleicht doch die Außenwelt, die einen schlechten Einfluss auf sie ausübte? Meiyu war sich nicht sicher, doch da sie sich extra beeilt hatte, um noch Makeup, Lippenstift und sogar Nagellack aufzutragen, wollte sie nicht einfach wieder die Heimreise antreten. Sie redete sich ein, dass schon alles gut werden würde, während der Zug bereits in der Ferne zu sehen war. Nun gab es kein Zurück mehr.
Als der Zug anhielt und sich die Türen öffneten, bemerkte Meiyu, dass sich keine Menschenseele im Abteil befand und auch niemand anderes den Eindruck machte, in den Zug einsteigen zu wollen. Dass die vielen Menschen auf einen ganz anderen Zug warteten, überraschte Meiyu nicht. Immerhin fuhr der Zug in die Hauptstadt und abgesehen von Meiyu befand sich wohl niemand mit einer Genehmigung an Ort und Stelle. Dass jede halbe Stunde ein Zug durch Akeneas in Richtung Maganara fuhr, wirkte angesichts dieser Tatsache ein wenig grotesk, doch zeigte dies nur die Einstellung der Menschen aus Asama. Wer Reichtum im Überfluss hat, muss sich über die Verschwendung von Ressourcen keine Gedanken machen. Immerhin würden die zukünftigen Generationen die Fehltritte der heutigen Generation ausbaden müssen, während die Verantwortlichen längst ihre ewige Ruhe genießen könnten. Selbst wenn in den nächsten Jahren nicht eine einzige Person in den Zug einsteigen sollte, würde er nicht damit aufhören, in Akeneas seine Türen zu öffnen. Zumindest diesmal tat er dies nicht umsonst. Meiyu hielt ihr Smartphone, welches von einem breiten Riss auf dem Display geziert wurde, vor eine kleine Apparatur, die mit einer künstlichen Intelligenz ausgestattet war, um kurz danach grünes Licht für den Einstieg zu erhalten. Sie setzte sich auf einen Sitz, der so aussah als wäre er noch nie benutzt worden und holte einen kleinen Spiegel aus ihrer pinken Handtasche, welche sie im Jahr zuvor von Sarina geschenkt bekam. Sie hatte sich zwar darüber gefreut, doch die glänzende Tasche passte so wenig zu Meiyu wie ein eigensinniger Fußballspieler zu seinen Teamkameraden. Sie überprüfte, ob sie mit ihrem knallroten Lippenstift auch nicht zu sehr wie ein Clown aussah, da sie dafür in der Eile keine Zeit mehr gehabt hatte. Als sich der Zug langsam in Bewegung setzte, blickte sie noch einmal in die Gesichter am Bahnsteig und versuchte, eine...
Erscheint lt. Verlag | 17.3.2025 |
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Verlagsort | Berlin |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
Schlagworte | Cyberpunk • Drama • dystopisch • Gesellschaftskritik • LGBTQ • Romance • Science-fiction • Thriller • weibliche Hauptrolle |
ISBN-10 | 3-8190-5694-7 / 3819056947 |
ISBN-13 | 978-3-8190-5694-9 / 9783819056949 |
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Größe: 820 KB
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