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In einem Zug (eBook)

Spiegel-Bestseller
Roman
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
208 Seiten
DuMont Buchverlag
978-3-7558-1073-5 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
18,99 inkl. MwSt
(CHF 18,55)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
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Eduard Brünhofer, ehemals gefeierter Autor von Liebesromanen, sitzt im Zug von Wien nach München. Nicht unbedingt in der Absicht, sich mit der Frau frühen mittleren Alters im Abteil zu unterhalten. Schon gar nicht in der Absicht, mit ihr über seine Bücher zu sinnieren. Erst recht nicht in der Absicht, über seine Ehejahre mit Gina zu reflektieren. Aber Therapeutin Catrin Meyr, die Langzeitbeziehungen absurd findet, ist unerbittlich. Sie will mit ihm über die Liebe reden. Dabei gerät der Schriftsteller gehörig in Zugzwang. »Was befähigt einen Autor, über die Liebe zu schreiben?«, fragt sie. »Ihre Frage ist klüger als jede Antwort darauf«, erwidere ich. »Danke. Probieren Sie es trotzdem.« »[W]ir haben so viel Spaß wie 2006 bei Daniel Glattauers Riesenerfolg >Gut gegen Nordwind<.« Elke Heidenreich, BUNTE »Einer der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur« DER SPIEGEL über >Gut gegen Nordwind<

DANIEL GLATTAUER, geboren 1960 in Wien, war zwanzig Jahre Journalist beim Standard. Mit >Gut gegen Nordwind< (2006) gelang ihm der schriftstellerische Durchbruch. Es folgten weitere erfolgreiche Romane. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und verkauften sich weltweit millionenfach. Er verfasste zahlreiche Theaterstücke, die zu den meistgespielten im deutschsprachigen Raum gehören. Mit seinem Roman >Die spürst du nicht< (2023) stand er wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerl

Wien-Hütteldorf

Schräg gegenüber sitzt eine Frau mittleren Alters. Eher frühen mittleren Alters. Mehr kann ich vorerst nicht über sie sagen. Ich bin keiner, der schräg gegenübersitzende Frauen im Zug taxiert, schon gar nicht mittleren, geschweige denn frühen mittleren Alters.

Kinder ja, die kann man stundenlang anglotzen, ob im Zug oder anderswo, die merken das gar nicht, und merken sie es, dann stört es sie nicht, sie sind es gewohnt. Erwachsene späten mittleren Alters, wie ich, blicken beim Beobachten von Kindern immer gern und oft verklärt in ihre eigene Kindheit zurück oder in die Kindheit ihrer Kinder, wenn sie welche haben. Und wenn es Kindeskinder gibt, versuchen sie, sich in ihnen zu erkennen, überhaupt, wenn sie gerade sehr stolz auf sie sind.

Oder sie sind von der anderen Sorte, zählen zu den Erwachsenen mit den bösen Blicken, gramgebeutelt bei jedem günstigen Anlass. Als solche prüfen und missbilligen sie jede Art von neuer, in Mode gekommener, verkommener Kindheit. Oft schütteln sie den Kopf und suchen Gleichgesinnte in ihrer Umgebung, die ebenso den Kopf schütteln und genauso denken: Was soll aus diesen Kindern werden? So etwas hätte es früher nie gegeben. Früher hätte man … Aber das darf man ja heute alles gar nicht mehr laut sagen.

Egal. Jedenfalls schauen Erwachsene, ob solche oder solche, jederzeit ungeniert hin, wo Kinder im Spiel sind.

Auch die sehr alten Leute lassen sich während einer Bahnfahrt ungehemmt begutachten. Die meisten von ihnen mögen und schätzen das, oft fühlen sie sich endlich wieder wahrgenommen. Man sollte ihnen aber schon gelegentlich aufmunternd zunicken. So quasi: Bravo, gut gemacht, wirklich alt geworden und noch immer wacker, wenn auch wackelig im Leben beziehungsweise hier im Zug.

Vorsicht aber. Wenn man bei sehr alten Mitmenschen zu lange hinschaut, besteht die Gefahr, dass Worte eintrudeln. Zuerst trudeln sie ein, dann prasseln sie auf einen ein, dann muss man sie abwehren. Und plötzlich ist man heillos in ein Gespräch verwickelt, aus dem man nicht mehr rauskommt.

Denn mit dem Alter potenziert sich die Mitteilungsbedürftigkeit. Da sollte man schon im Hinterkopf haben, wohin die Reise geht. In meinem Fall nach München. Wir befinden uns aber erst irgendwo zwischen Wien-Hütteldorf und Sankt Pölten. Das wären dann, würde es blöd laufen, gute vier Stunden Deckung der Mitteilungsbedürftigkeit eines sehr alten Gegenübers. Also bei so einer Ausgangslage wäre es ratsam, besser erst gar nicht hinzuschauen.

Egal. Schräg gegenüber sitzt eine Frau frühen mittleren Alters. Schräg gegenüber deshalb, weil sie einen Fensterplatz im offenen Viererabteil eingenommen und gleich den Mund verzogen hat, als ich dazugekommen bin und sich die Möglichkeit andeutete, ich könnte den Fensterplatz vis-à-vis beziehen, in Tuchfühlung zu ihr, Auge in Auge, Kniescheibe an Kniescheibe.

Kurzer Einschub: Ich hasse es, dazugesetzt zu werden. Und ich hasse es, wenn man mir wen dazusetzt. Zum Beispiel im Kaffeehaus.

»Entschuldigung, ist bei Ihnen noch ein Platz frei?«

»Ja, es sind sogar zwei Plätze frei, denn ich gehe«, würde ich darauf gern antworten.

Aber ich mache es eleganter. Ich antworte: »Ja natürlich, gerne.«

Zum Kellner: »Die Rechnung bitte.«

Einmal war ich mutig und antwortete: »Nein, leider nicht frei, es kommt noch wer.«

Der Geschasste hat dann gleich am Nebentisch Platz gefunden und mit mir geduldig darauf gewartet, dass meine angekündigte Begleitung endlich eintrifft. Erst hat er richtig mitgefiebert, in der Folge konnte er sich nicht entscheiden, ob er in mir einen Lügner oder einen Loser sehen soll.

Ich bemühte mich redlich um eine glaubwürdige Darstellung der Loser-Variante und schaute immer wieder verzweifelt auf Armbanduhr und iPhone. Seine auf mich gerichteten Blicke begannen die tiefe Melancholie einer Mitleiderregung auszustrahlen. Da blieb mir nur noch aufzustehen und zu gehen.

»Sind’s versetzt worden, gell?«, rief er mir nach.

Zurück zum Zug Wien–München: Ich konnte der Frau frühen mittleren Alters die Angst vor der Enge nachfühlen und setzte mich freiwillig auf den unattraktiveren Gangplatz schräg gegenüber von ihr. Ich machte es so schnell und entschlossen, dass sie annehmen konnte, das wäre mein gesuchter, gefundener, mich glücklich machender reservierter Platz. Sie sollte nicht das Gefühl haben, mir meinen Fensterplatz durch ihre Anwesenheit miesgemacht zu haben. Ich will niemanden beschämen. Ich will niemandem zu nahe treten. Und treten will ich schon gar nicht. So können wir wenigstens beide unsere Beine ausstrecken. Alles ist gut.

Was mir bald aus dem halb toten Winkel meines linken Auges auffällt: Die Frau macht das Gleiche wie ich – NICHT. Und zwar drei Dinge gleichzeitig. Sie liest nicht, sie hört nicht, sie schläft nicht. Kein Handy, kein Laptop, keine Ohrenstöpsel, kein Buch, kein Frauenmagazin, kein Männermagazin, kein Fachmagazin, kein Unterfachmagazin, gar nichts. Und ihre Augen sind offen und wach. (Okay, ich habe einmal kurz schräg hinübergeschaut. Sie hat es nicht bemerkt. Oder so getan, als hätte sie es nicht bemerkt.)

Menschen, die einfach einmal nichts tun, fallen sofort auf. Denn wir leben in einer Zeit, wo man nach zehn Sekunden Nichtstun, also ohne multimedial vollstreckte Ablenkung, normalerweise in ein Loch fällt. Überhaupt im Zug, da fällt man in ein Loch und atmet Zugluft, das ist an sich eine ernst zu nehmende Vorstufe zur Depression.

Faktum: Die Frau und ich tun schräg gegenüber voneinander seit gut fünfzehn Minuten tatsächlich nichts. Das ist revolutionär. Wir demütigen damit den gesamten Streaming-Markt mit seinen soeben frisch für uns ins Netz gegangenen Milliarden neuen Bildern, Texten, Postings, Videos und Podcasts.

Spontan mutmaße ich, dass sie gerade der gleichen im Aussterben begriffenen Beschäftigung nachgeht wie ich: Denken. Vielleicht sogar Nachdenken. Aber dann bemerke ich etwas, ja, ich erwische sie förmlich dabei, als mein insgesamt zweiter Sekundenblick über sie hinwegstreicht: Sie tut fast nichts, aber sie tut doch etwas. Sie schaut mich an.

Frauen frühen mittleren Alters, die mich anschauen, machen das, da gebe ich mich keinen Illusionen hin, aus dem einen bestimmten Grund, der einem noch immer als erster einfällt, sicher nicht. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ich, seit ich an Frauen denken kann, noch nie von einer fremden Frau deshalb angeschaut wurde, weil sie praktisch nicht anders konnte, als optisch an mir haften zu bleiben, weil sie dachte: Wow, Wahnsinn, ich sehe wohl nicht recht!

Man kennt solche, ich sage einmal fressenden, Frauenblicke ausreichend aus der Filmwelt. Aber nicht nur. Es gibt Männer im realen Leben, denen passieren diese Blicke andauernd. Ein paar finden sich sogar in meinem engeren Bekanntenkreis, oder besser gesagt betrifft es die mittlerweile volljährigen Söhne von ihnen.

Mir ist so ein Blick jedenfalls noch nie passiert, und die Chance nimmt seit etwa zwanzig Jahren täglich ab. Frauenblicke, die an mir hängen bleiben, haben einen anderen Charakter. In der Sprache der Weinverkoster würde man mir die Begriffe »schal« und »abgestanden« zuordnen, wenn auch »nicht unharmonisch«. Aber es fehlt das Erfrischende, das Prickelnde. Da gab es schon bessere Jahrgänge. Solche Blicke kriege ich.

Darüber hinaus gibt es zwei Arten von Frauenblicken, mit denen ich mich seit Längerem konfrontiert sehe. Die eine Art sagt mir: »Du bist genau der Richtige.«

Das sind Frauen, die mir etwas andrehen wollen, ein Abonnement, ein Gewinnspiel, eine Rose für fünf Euro, einen Fragebogen, damit man endlich meine noch fehlenden Daten hat.

Und wollen sie mir nichts andrehen, dann wollen sie mir etwas abverlangen. Eine Unterschrift zum Schutz bereits so gut wie ausgestorbener Tiere. Die Zustimmung zur Rettung meiner Seele durch die religiöse Hintertür. Eine kleine Spende für etwas Wohltätiges, oft in eigener Sache. Solche Dinge. Das ist die eine Art von Frauenblicken.

Die andere Art ist spezifischer. Da geht es tatsächlich um mich als Person. Da werde ich ins Visier genommen, da stehe ich auf dem Prüfstand. Das sind konzentrierte, fokussierte, studierte Blicke. Dann wird es rasch verbal, und wir befinden uns mitten in der Millionenshow, bei der Fünfhundert-Euro-Frage.

So ein Blick trifft mich gerade. Deshalb weiß ich genau, was von schräg gegenüber im Zugabteil sogleich kommen wird. Ich bin vorbereitet, gelassen, ja, ich freue mich sogar ein bisschen darauf, ohne an die Konsequenzen zu denken.

»Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?«, fragt die Frau.

Es folgt die kurze Phase, wo der Frauenblick staunende Züge, ja sogar dezente Anflüge von Faszination annimmt. Manchmal antworte ich sofort: »Ja, ich bin es.«

Damit erspare ich meinem Gegenüber die knifflige Ausformulierung und etwaiges Herumstottern. Diesmal koste ich es aus. Denn jetzt, wo ich sie ansehen kann, ja wo es geradezu ein Frevel wäre wegzuschauen, sehe ich sofort: Die Frau ist selbstbewusst, die schafft das auf Anhieb, die bringt das mit wenigen Worten rüber. Entweder kommt: »Sind Sie der Autor?«

Oder sie geht den direkten Weg und fragt: »Sind Sie Eduard Brünhofer?«

Oder, resoluter noch: »Sie sind Eduard Brünhofer, stimmt’s?«

Oder, gleich auch den Zauber der Exklusivität dazugepackt: »Sind Sie der Eduard Brünhofer?«

Spinnen wir die Szene weiter. Ich werde antworten: Ja, das bin ich. Ich werde ihr zublinzeln, nicken, schüchtern schmunzeln, also nicht wirklich schüchtern, nur damit sie weiß, dass ich mir nichts darauf einbilde, Eduard Brünhofer zu sein. So...

Erscheint lt. Verlag 13.1.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Beziehung • Dialogroman • Ehe • Gespräch • Gut gegen Nordwind • Humor • Langzeitbeziehung • Neuer Roman Glattauer • Nostalgie • Schreiben • Schreibkrise • Selbstironie • Zugfahren • Zum Verschenken
ISBN-10 3-7558-1073-5 / 3755810735
ISBN-13 978-3-7558-1073-5 / 9783755810735
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