Air (eBook)

224 Seiten
Kiepenheuer & Witsch (Verlag)
978-3-462-31320-8 (ISBN)
Christian Kracht, 1966 in der Schweiz geboren, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium«, »Die Toten« und »Eurotrash« sind in über 30 Sprachen übersetzt.
I.
Das Leben war voller Sorgen, aber auch nicht wirklich. Es war eine Zeit, in der viele Dinge schnell erworben und dann wieder vergessen wurden. Es war ein großes, ruhiges Zimmer in einem kleinen Haus am Wasser, in der Hafenstadt Stromness, im frühen Herbst. Draußen, vor dem Fenster, schwebte ein Himmel ohne bestimmte Farbe über den schottischen Orkney Inseln, der mit hoch aufragenden Kumuluswolken zugedrängt war. Bald würden die oszillierenden Vorhänge aus grünem Licht am Himmel zu sehen sein, wenn die Wolken zur Nacht wegzogen. Stromness war ein weit im Norden an einem grauen Meer gelegener Ort, kalt und steinern und sauber.
Ein silbergrauer Laptop stand auf dem hell gebeizten Holztisch. Das Magazin Kūki lag am anderen Ende gestapelt, die Ecken der Hefte ordentlich im rechten Winkel zur Tischkante arrangiert. Das Magazin war auf Recyclingpapier gedruckt, das sich mit der Zeit durch die Luftfeuchtigkeit – denn das Haus in Stromness stand direkt an der Hafenbucht – leicht gewellt hatte.
Auf dem Umschlag des Magazins war, vom Glimmen des Laptops erhellt, eine irdene, umbrafarbene Schale zu sehen, in der drei Walnüsse und einige kleine, fast durchsichtige Muschelschalen ruhten. Auf einem Teller lag ein angebissenes Croissant. Unter dem Tisch standen ein paar dunkelgrüne, hochschaftige Gummistiefel. Die Wand dahinter, an der ein altes Schweizer Militärfahrrad lehnte, war aus hellgrauem Stein, dessen Unebenheiten, Rillen, Scharten und Pocken die Ruhe des Raumes unterstrichen, anstatt sie zu stören.
Über dem Fahrrad hing ein gerahmtes Ölgemälde an der Wand. Es zeigte den Zauberer Merlin und den Ritter Lancelot, gemalt vom Schotten James Archer am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Archers Name stand in schwarzen Lettern auf dem unteren Teil des mit goldener Farbe angestrichenen Holzrahmens.
Es war weder ein besonders eindrucksvolles Bild, noch war es von Archer besonders gut gemalt worden. Der Zauberer Merlin war in eine lange helle Kutte gekleidet, und eine weiße Kapuze bedeckte seinen Hinterkopf und verbarg auch sein Gesicht. Am Himmel waren die verglühende Abendsonne zu sehen und ein paar hingehuschte Wolken. Merlin schritt, Sandalen an den Füßen, selbstbewußt und emphatisch dem Ritter Lancelot auf dem Pfad voraus. Lancelot, der seltsam müde, phlegmatisch und versunken im Sattel eines ebenso müden schwarzen Pferdes saß und sich von Merlin den Weg hinüber ins Schattenreich weisen ließ, ritt dem Zauberer nach, links aus dem Bild hinaus.
Die spitz zitternden Schatten eines Bündels Schilfgräser, das drüben auf der Fensterbank aus einem Krug ragte, huschten unmerklich über die Gummistiefel, dann über ein weiteres paar Schuhe. Es waren an der Hacke aus- und heruntergetretene, einstmals hellbraune katalanische Sandalen, deren Sohlen sich im Zustand der endgültigen Auflösung befanden. Lederkrümel aus den Sandalen lagen bereits einige Zentimeter neben ihnen, auf dem nur teilweise glänzend polierten Betonfußboden.
Auf diesem lag, ebenfalls rechtwinkling zum Tisch ausgerichtet, ein schmutzig-weißer Schafwollteppich, der nicht gleichmäßig gebleicht, sondern an mehreren Stellen graubraun belassen worden war. In dessen Mitte saß eine einäugige Katze und sah zum Fenster hin. Die Krallen ihrer Pfoten hatten sich im Wollteppich verhakt. Die Katze zog abwechselnd die linke und rechte Pfote hoch, dadurch entstand ein leise reißendes Geräusch.
In der Ecke des Raumes, neben dem über den kleinen Hafen hinaussehenden Fenster im Haus in Stromness, lag Paul auf einem zerschlissenen Sofa, das mit Segeltuch bezogen war, und schlief. Es fühlte sich für ihn an, als befände er sich auf dem Kamm einer langen glatten grauen Welle in einem öden schieferfarbenen Südmeer, über das er dahinglitt. Die Antarktis, die Ross-Insel und ihre verbotenen vulkanischen Gipfel waren nicht weit, sie leuchteten unwirtlich am Horizont, zu dem die Welle ihn trug. Es war fast ein angenehmes Gefühl, aber nicht ganz.
Eines jener alten orangeroten, englischen Penguin-Taschenbücher war ihm im Schlaf aus der Hand gefallen und lag nun auf dem Teppich neben dem Sofa. Es war ein Buch aus dem Zweiten Weltkrieg über Flugzeugerkennung. Im Buch wurde erklärt, wie man die Heinkels, Messerschmitts, Hurricanes und Spitfires beim Überflug rasch identifizieren konnte, indem auf die Unterschiede ihrer Umrisse hingewiesen wurde. Auch der Klang der einzelnen Maschinen war unterscheidbar. Sogar am Schatten des jeweiligen Flugzeugs, der über die Landschaft strich, konnte erkannt werden, ob es eine Focke-Wulff oder eine Beaufort war. Regen war ein gutes Omen. Den Kranken wurde Wasser aus den sieben Quellen zu trinken gegeben. Regenwasser oder das Wasser des Lebens, wie es in Rußland hieß, heilte Wunden, ließ verstümmelte Körperteile wieder wachsen, verjüngte die Alten und erweckte Tote zum Leben.
Dort am Horizont waren sie jetzt zu sehen, am Ende der Wellenkämme: die weißbedeckten, sich hoch auftürmenden Vulkanberge Mount Erebus und Mount Terror. Schneefahnen wehten von ihren furchterregenden Spitzen seitlich weg. Und ganz plötzlich wurde der Traum schrecklich. Paul wachte mit einem Angstruck auf. Sein Hemd war oben, unter der Kehle an den Schlüsselbeinen, naß geworden, klebrig und unappetitlich. Den ganzen Tag verschlafen und verdummt aufgewacht, dachte er. Es war nun sehr spät am Abend, und draußen war es dunkel, obwohl es nie ganz dunkel wurde, im Sommer und im Herbst.
Paul stand verwirrt und viel zu langsam auf, suchte seine Brille, ging zum Tisch und berührte sachte den Laptop mit der Spitze des Zeigefingers. Das Gerät und der Schirm und auch der Raum erhellten sich. Er sah hinaus zu den grün wabernden Vorhängen des Polarlichts, vor dem Fenster über dem Hafen am Himmel, die ihm anfangs, als er hierher auf die Orkney Inseln gezogen war, noch wie ein Wunder erschienen waren. Stundenlang hatte er sie angestarrt, diese Spektakel des Sonnenwinds, Ionenaufladungen in der Atmosphäre, Photonenstürme. Und nun, nach so langer Zeit in Stromness, als sie beinahe jede Nacht am Himmel erschienen waren, blieben sie ihm lediglich Dekoration und akzeptierter, fader Teil der Natur, deren Magie für ihn erloschen war.
Er machte das Licht an, hielt sich die Hand vor den Mund, um zu gähnen, und trocknete sich den Schweiß des Alptraums mit einem Küchentuch ab, das er faltete und wieder über den Ofen hing. Dann ging er zum Kühlschrank, öffnete ihn, nahm den Hüttenkäse heraus, leerte ihn auf die Untertasse mit den Croissantresten und stellte diese vor die Katze auf den weißen Teppich. Er mochte keine Katzen. Diese hier war ihm zugelaufen. Er hatte eines Morgens die Haustür geöffnet, und sie war erschienen und an seinen Füßen vorbei ins Haus spaziert, als wohne sie nun da bei ihm.
Paul setzte sich vor seinen Laptop an den Tisch. Er hatte zwei Mails bekommen, sonst nur den üblichen Junk aus Nigeria. Das eine schien ihm wichtig und machbar, und deshalb hatte er es heute morgen schon dreimal gelesen, und nun nach dem Abendschlaf las er es noch mal. Das zweite Mail bat ihn in recht ungelenkem Englisch um eine ganz vorsichtige Renovierung des Hauses von Ingmar Bergman auf der Insel Fårö in Schweden. Es waren nur wenige kleine Handgriffe, die man von ihm wollte, hier, wo Faulschwamm in den Wänden erschienen war, etwas frische Farbe, dort ein paar Stuhllehnen austauschen, die wurmstichig geworden waren. Sie konnten nicht viel zahlen. Und die Anreise auch nicht. Er atmete hörbar aus. Sollten sie doch, wenn sie etwas von ihm wollten, bitte anständiges Englisch schreiben, nicht so einen Charles-Dickens-Unsinn: Please, kind sir, und: most obediently, stand da. Er schob mit einer Fingerspitze das Mail links hinunter in den Ordner für Unerledigtes.
In dem ersten Mail wollte man, daß er für die Zeitschrift Kūki das perfekte Weiß fand. Eine immense dunkle Halle sollte weiß angestrichen werden, in Norwegen, mit Hektolitern Farbe. Er solle sich doch bitte zur Besprechung im Büro in Stavanger einfinden, Flugticket anbei, Business. Viel Geld sei im Spiel, vielleicht hundertfünfzigtausend.
Das perfekte Weiß, dachte er. Ja, ja, da war er der Richtige. Einmal Weiß, natürlich, bitte sehr. Nicht zu beige, nicht zu eierschalenfarben, nicht zu blaukalt wie Schneeweiß. Keine Eisfarbe. Menschenskind. Kūki. Super. Wie sie nur gerade auf ihn gekommen waren. Er freute sich außerordentlich. Was für eine tolle Ehre. Seit vielen Jahren schon hatte er die auf rauhem, hellbraunem Recyclingpapier gedruckte Zeitschrift abonniert, ihren subtilen Wandel vom modernistischen, asketischen Intelligenzblatt hin zum leicht spleenigen, sich selbst absichtlich irrelevant machenden Dekorationsmagazin mitverfolgt.
Jede Ausgabe, die im Briefkasten in Stromness landete (denn es gab keine Onlineausgaben) wurde von Paul genauestens studiert. Kūki. Er stapelte die letzten sechs Ausgaben stets auf seinem großen Tisch, die anderen in der Ecke seines Schlafzimmers, wo sie über die Jahre einen beachtlichen Turm gebildet hatten.
Früher, ganz am Anfang, war Kūki zum Beispiel zu Besuch bei einem der letzten japanischen Bürstenbinder gewesen, der im Hida-Gebirge auf Honshu in einer Holzhütte seine Hanfbürsten noch von Hand knüpfte. Es war in diesem Magazin immer um Exklusion gegangen. Der letzte dies, der einzige das. In den ersten Jahren des Magazins hatte Kūki die modernistische, skandinavisch-japanische Reduktion noch als notwendig angesehen, darauf folgten dann im Laufe der Jahre die Nachhaltigkeit und die strenge Wiederverwertung und der asketische Verzicht, und heute schließlich plädierten die...
Erscheint lt. Verlag | 13.3.2025 |
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Verlagsort | Köln |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | 1979 • Anspruchsvolle Literatur • Deutschland • die Toten • eurotrash • Faserland • Leipziger Buchmesse • Metan • neuer Christian Kracht • neuer Kracht • neuer Roman 2025 • Odd Nerdrum • Science Fiction • Shortlist Leipziger Buchpreis |
ISBN-10 | 3-462-31320-7 / 3462313207 |
ISBN-13 | 978-3-462-31320-8 / 9783462313208 |
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