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Alfred Wegener (eBook)

Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker
eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
288 Seiten
mareverlag
978-3-86648-844-1 (ISBN)
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Schulen, Straßen, Stiftungen, Forschungsinstitute und sogar ein Mondkrater tragen seinen Namen. Zu Recht: Ging es um Wissensdrang und Wagemut, stand der 1880 in Berlin geborene Physiker, Meteorologe und Astronom Alfred Wegener Abenteurern wie Amundsen, Scott & Co. in nichts nach. Er stellte spektakuläre Dauerrekorde in der Ballonfahrt auf, und bei der bis dahin längsten Grönlandüberquerung entkam er nur knapp dem Hungertod. Mit seiner genialen Idee der Kontinentaldrift legte er den Grundstein für die Theorie der Plattentektonik, und zwar in einer Disziplin, die noch nicht einmal die seine war. 1930 starb er auf dem Inlandeis Grönlands - er hatte versucht, auf Skiern die Küste zu erreichen, um die Vorräte der Wissenschaftler, die mitten auf dem Eis in einer Forschungsstation überwinterten, zu schonen.

Günther Wessel, geboren 1959, ist mehrfach ausgezeichneter Autor von Radiofeatures und zahlreichen Sachbüchern. Er schreibt überwiegend über umweltpolitische und kulturhistorische Themen und ist im Deutschlandfunk Kultur regelmäßig mit Sachbuchrezensionen zu hören. Nach diversen Stationen im In- und Ausland lebt Günther Wessel heute in Berlin.

Günther Wessel, geboren 1959, ist mehrfach ausgezeichneter Autor von Radiofeatures und zahlreichen Sachbüchern. Er schreibt überwiegend über umweltpolitische und kulturhistorische Themen und ist im Deutschlandfunk Kultur regelmäßig mit Sachbuchrezensionen zu hören. Nach diversen Stationen im In- und Ausland lebt Günther Wessel heute in Berlin.

EINE JUGEND ZWISCHEN STADT UND LAND


Ich, Alfred Lothar Wegener, evangelischer Confession, bin am 1. November 1880 zu Berlin als Sohn des Predigers und Direktors des Schindlerschen Waisenhauses, Dr. Richard Wegener, geboren.«1 So beginnt der selbst verfasste Lebenslauf, den Alfred Wegener 1904 seiner Doktorarbeit beifügte: geboren in der Friedrichsgracht 57 auf der Fischerinsel, dem südlichen Teil der Spreeinsel in der Berliner Mitte, also unweit vom Schloss, vom Berliner Dom und von der Allee Unter den Linden, wo sich die preußischen Könige ihre Prachtbauten hatten errichten lassen; hineingeboren in eine Zeit und eine Stadt, die sich im dauernden Umbruch befanden.

Die Industrialisierung ließ Berlin wachsen, und zwar in atemberaubendem Tempo. Allein in den Jahren 1871 bis 1873 zogen 400000 Menschen neu in die Stadt – die meisten im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren. Überall strebten Schornsteine und Werkhallen in die Höhe. Berlin war einer der wichtigsten Industriestandorte Deutschlands mit Unternehmen wie Borsig oder den beiden Elektrogiganten Siemens & Halske und AEG. Diese suchten Arbeitskräfte und warben sie überall im Deutschen Reich und in benachbarten Ländern an.

Hauptstandort der Schwerindustrie war zunächst der nördliche Stadtrand vor dem Oranienburger Tor, beiderseits der heutigen Chausseestraße, der im Volksmund wegen der vielen Fabrikschlote »Feuerland« getauft wurde. Borsig kaufte in Oberschlesien eigene Erz- und Kohlegruben an und eröffnete 1850 ein großes Eisen- und Gussstahlwerk in Moabit, das damals noch nicht zu Berlin gehörte.

1877 lebten bereits eine Million Menschen in der Metropole, womit sich die Bevölkerungszahl innerhalb von nicht einmal zwanzig Jahren verdoppelt hatte. Weitere fünfundzwanzig Jahre später war die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Die meisten Menschen waren zugezogen, nur zwei von fünf Berlinern auch in der Stadt geboren. Es entstanden neue Siedlungen, fabriknah in den Außenbezirken, welche die städtebauliche Struktur Berlins weiter veränderten; die Stadt wuchs, die Orte und Gemeinden im Umland ebenso. Schon ab 1862 gab es eine einheitliche Stadtplanung. Sie sah Villenkolonien und Arbeiterviertel vor, ganze Viertel wurden von Kaufleuten und Grundbesitzern am Reißbrett entworfen und auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen. Ab 1881 fuhr die erste elektrische Straßenbahn der Welt ab Lichterfelde Richtung Stadtzentrum. Pferdeomnibusse verbanden die Stadtteile miteinander; Plätze auf dem oberen Deck waren billig, die wettergeschützten im Innenraum deutlich teurer. Die S-Bahn wurde als Hochbahn gebaut – überall wurde gehämmert und gemauert, und das Stadtbild änderte sich Tag für Tag.

Ab den 1880er-Jahren entstanden die für Berlin typischen großen Häuserblocks mit einheitlichen Traufhöhen und vielen engen, hintereinanderliegenden Hinterhöfen, die nach der Berliner Bauordnung nur eine Länge und Breite von je 5,34 Metern haben mussten – groß genug, dass der von Pferden gezogene Spritzenwagen der Feuerwehr darin wenden konnte. Im Vorderhaus waren die Wohnungen oft groß und repräsentativ, im Hinterhaus versteckten sich enge und dunkle Küchen und Kammern. Mitte der 1890er-Jahre lebte fast die Hälfte der Bevölkerung in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube diente. Die Gemeinschaftstoilette auf halber Treppe oder im Hof wurde oft von mehr als vierzig Personen benutzt. Wieder andere wohnten für wenig Geld frisch gebaute Wohnungen »trocken«. Denn Neubauten mussten etwa drei Monate lang austrocknen, bevor sie wirklich bezugsfertig waren. Das »Trockenwohnen« verkürzte die Frist, ruinierte aber die Gesundheit der dort Lebenden.

Die Stadt war eng, man klebte aufeinander. Privatsphäre existierte nicht. »1873 zählte man 55,83 Bewohner pro Grundstück. Es miteinander auszuhalten und halbwegs friedlich aneinander vorbeizukommen, erforderte Stresskompetenz, Reaktionsschnelligkeit, Konfliktvermeidungsroutinen. Schlagfertigkeit, Schnoddrigkeit, die Mischung aus demonstrativer Unbeeindruckbarkeit und bloß verbaler Aggression, gehörten dazu.«2 In den Höfen, eher Lichtschächte als Luftschneisen, fand sich die typische Mischung der Gründerzeit: kleine Handwerks- und Industriebetriebe, auch ein Schlachter, ein wenig Viehzucht oder eine Gerberei. Es rauchte und rußte dort nicht nur im Winter, da der Hauptenergieträger für neu gegründete Chemie- und Textilfabriken oder auch Papiermühlen Braunkohle war, und es stank nach Abwasser und Tierhaltung im Sommer. Die Stadt blühte wirtschaftlich – die Berliner Luft war zumindest in den Innenstadtquartieren schauderhaft.

»Man kann einen Menschen mit einer Wohnung geradeso gut töten wie mit einer Axt«3, schrieb der sozialdemokratische Abgeordnete Albert Südekum 1908 in seinem Buch Großstädtisches Wohnungselend – ein Elend, von dem andere wiederum profitierten. Berlin war Boomtown, Unter den Linden und am Kurfürstendamm ließ sich prächtig flanieren. »Berlin ist Spekulation, ungesunde Tempobeschleunigung, die Stadt schießt hinein ins Auswärts, sie kommt nicht gütig oder werbend«, so der Wirtschaftswissenschaftler Alfons Goldschmidt. »Sie reißt Landstücke an sich, sie pfropft ihre Häßlichkeiten hinein.«4

In diesen wachsenden und sich täglich verändernden Moloch wurde Alfred Wegener hineingeboren. Als jüngstes von fünf Geschwistern hatte er zwei Schwestern, nämlich Tony (geboren 1873) und Käte (1879), und zwei Brüder, nämlich Willi (1874) und Kurt (1878). Sein Vater Richard Wegener war ein evangelischer Theologe und promovierter Altphilologe, der ziemlich genau auch dem klassischen Ideal eines Bildungsbürgers entsprach und von 1874 bis 1904 das Schindlersche Waisenhaus leitete, eine private Stiftung für Söhne von Beamten, Pastoren und Lehrern, die als gepflegte und vergleichsweise liberale Institution galt. Die Zöglinge waren gleichzeitig Schüler am Gymnasium zum Grauen Kloster, wo Richard Wegener selbst unterrichtete. Überaus preußisch korrekt, bestand er darauf, dass seine Kinder eine andere Schule besuchten. Er wollte nicht im Geringsten den Anschein erwecken, sie zu bevorzugen. Daher heißt es im Lebenslauf zur Dissertation weiter: »Ich genoß den Unterricht des Köllnischen Gymnasiums zu Berlin, welches ich Michaelis 1899 mit dem Zeugnis der Reife verließ, um mich an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin dem Studium der Mathematik und Naturwissenschaften, insbesondere der Astronomie, zu widmen.«5

Als »fortschrittlichen Pädagogen, Theologen und Dichter«6 bezeichnet Peter Böthig, der in Rheinsberg das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum leitet, den – so der offizielle Titel – »Herrn Doktor und Hofgerichtsprediger Richard Wegener, Oberlehrer zum Grauen Kloster und Direktor des Schindlerschen Waisenhauses«.

Das Tucholsky-Museum besitzt eine Außenstelle – das winzige Alfred-Wegener-Museum in Zechlinerhütte, das heute zu Rheinsberg gehört. »Richard Wegener hatte früh schon die Idee, mit den Kindern auch in die Natur zu wollen, raus aus dem stickigen und schmutzigen Berlin«, so Peter Böthig. Zumal er selbst, wie auch seine Frau Anna Wegener, geborene Schwarz, aus eher ländlicher Umgebung stammte und weil er vielleicht ahnte, dass die Großstadtluft zum frühen Tod seiner Tochter Käthe – sie starb als Fünfjährige nach kurzer Krankheit im Jahr 18847 – beigetragen hatte.

So nutzte die Familie die Chance, als das ehemalige Direktorenhaus der Glashütte in Zechlinerhütte samt Park und Wiesen verkauft wurde. Die Hütte war wenige Jahre zuvor stillgelegt worden. Es war das Geburtshaus von Anna Wegener, das die Familie 1886 erwarb – als Refugium auf dem Lande, als Rückzugsort. Seen und lange Lindenalleen, sanfte Hügel und Wälder mit Buchen, Birken und Nadelbäumen statt der explodierenden Stadt, die sich jeden Tag und viel zu schnell veränderte.

Die Sommer verbrachte die Familie dort, die Ferien, die Wochenenden. Peter Böthig spricht davon, dass Zechlinerhütte inmitten der Hügel- und Seenlandschaft Brandenburgs für Alfred und den zwei Jahre älteren Kurt sehr prägend war. Vor allem, weil hier ihre naturwissenschaftlichen Interessen erwachten: »Sie haben hier als Kinder segeln gelernt, später Herbarien angelegt und die Natur beobachtet. Wenn man segelt, muss man zum Beispiel die Wolken beachten und den Wind, also Wetterphänomene, und diese ganzen Interessen wurden quasi hier gelegt.« Lange Wanderungen führten die Brüder in die Wälder. Sie zeichneten Karten, sammelten Steine und Insekten. Alfred »brachte Blindschleichen und Frösche heim und erreichte mit viel Beharrlichkeit und Überredungskunst, daß er sich ein Terrarium anlegen durfte und Schachteln für seine Raupen erhielt, aus denen er sich Schmetterlinge für seine Sammlung zog«8, so schilderte es Else Wegener in der Biografie ihres Mannes.

Doch das Interesse der Brüder wandelte sich, von der beobachtenden Biologie zur Physik und Chemie: »Der Vater schenkte ihnen eine Elektrisiermaschine und ein Chemiebuch, und sie erbettelten sich von der Mutter einen unbenutzten Raum neben der Waschküche. Da wurde dann drauflos experimentiert.«

Die »Wissenschaft erreichte in populärer Gestalt erstmals ein breiteres Publikum«9, konstatiert der Historiker Jürgen Osterhammel für diese Zeit. Ihm zufolge erhielt sie im allgemeinen Bewusstsein eine neue Bedeutung – und zwar als Symbol und Ursache des Fortschritts. Denn sie war die Grundlage und Bedingung für technische Neuerungen. »Niemals zuvor waren die...

Erscheint lt. Verlag 22.10.2024
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Astronomie • Biografie • Entdecker • Grönland • Grönlandüberquerung • Kontinentaldrift • Meteorologie • Physik • Plattentektonik
ISBN-10 3-86648-844-0 / 3866488440
ISBN-13 978-3-86648-844-1 / 9783866488441
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