Das außergewöhnliche Leben eines ganz normalen Mannes (eBook)
Er erzählt von größtem Hollywood-Glamour, aber auch von den Abgründen, die damit einhergehen. Offen und ehrlich schaut Newman auf sein Leben zurück, auf seine gescheiterte Ehe, sein Alkoholproblem, den traumatisierenden Tod seines Sohnes, aber auch auf seine großen Erfolge, filmisch, philanthropisch und persönlich.
Erfrischend direkt, ehrlich und schnörkellos.
Paul Newman war ein US-amerikanischer Schauspieler, Filmregisseur, Rennfahrer und Unternehmer. Er ist Preisträger zahlreicher Auszeichnungen, darunter der Acadamy Award, ein BAFTA Award, drei Golden Globe Awards, ein Screen Actors Guild Award, ein Primetime Emmy Award, der Cecil B. deMille Award und der Jean Hersholt Humanitarian Award. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen »Haie der Großstadt« (The Hustler), »Zwei Banditen« (Butch Cassidy and the Sundance Kid), »Der Clou« (The Sting), »Road to Perdition« und die Stimme von Doc Hudson in Pixars »Cars«. Der zehnfach oscarnominierte Newman gewann einen Academy Award als bester Hauptdarsteller für »Die Farbe des Geldes« (The Color of Money). Er gewann als Rennfahrer auch mehrere Rennmeisterschaften. Als politischer Aktivist und Philanthrop hat er knapp eine Milliarde Dollar für wohltätige Zwecke gesammelt und gespendet. Newman hat sechs Kinder und war fünfzig Jahre mit der Oscar-Preissträgerin Joanne Woodward verheiratet. Er starb 2008 im Alter von 83 Jahren.
Worauf meine Mutter sich sehr wohl einließ, waren ihre eigenen zerstörerischen Gefühlsanwandlungen – aber nie auf die Objekte, die diese Gefühlsanwandlungen hervorgerufen hatten. Zum Beispiel begeisterte sie sich irgendwann für die Oper und schleppte mich mit zu fünfstündigen Wagner-Aufführungen in der Severance Hall. Durch die Musik geriet sie immer in eine euphorische Stimmung. Auch wenn ich als Kind etwas Drolliges tat oder die Treppe herunterkam und in meinen Shorts und meinem Pullöverchen besonders niedlich aussah, ließ sie sich von Emotionen überwältigen, von Tränen der Rührung oder Begeisterung. Von dem Kind selbst nahm sie eigentlich keine Notiz, ebenso wenig wie sie sich die Oper richtig anhörte. Was in ihrem Kopf und in ihrem Herzen vorging, hatte nur sehr wenig mit Wagners Musik zu tun oder mit mir, sondern nur mit einem Anflug ihrer eigenen Euphorie. Dann konnte man nur beten, dass sie einen wieder in Ruhe ließ. Wenn das Kind es schaffte, sich loszureißen, oder wenn die Musik aufhörte, fehlte ihr nichts von beidem. Denn ihre Emotionen hielten an, dadurch dass sie so groß und gewaltig waren, bis sie in Erschöpfung umschlugen. Erst dann kam sie vielleicht auf die Idee zu fragen »Wo ist er denn jetzt?« oder »Hat jemand die Musik abgestellt?«.
Wahrscheinlich hätte man ihr beim Sex einfach den Partner wegnehmen können, und ihre Leidenschaft hätte trotzdem angehalten, bis sie irgendwann auf die Idee gekommen wäre zu fragen: »Wo ist er denn hin?« So etwas über die eigene Mutter zu sagen, ist furchtbar, ich weiß, aber ich finde es auch furchtbar amüsant – und furchtbar traurig.
Manchmal habe ich die Vorstellung vor Augen, ich hätte mir als kleines Kind irgendwie wehgetan, vielleicht einen Splitter im Finger, und dann wäre meine Mutter um mich herum, würde mich gurrend in ihre Arme reißen und mich so fest drücken, dass sie dem kleinen Kerl die Luft abschnürt. Und wenn sie dann merken würde, dass der kleine Kerl, den sie in den Armen hält, nur noch eine leblose Hülle ist, wurde sie bestürzt ausrufen: »Aber ich wollte den Ärmsten doch nur trösten!«
Ich kam mir vor wie einer ihrer armen, jämmerlichen Hunde, die Krebs bekamen und so fett wurden, dass sie sich kaum noch bewegen konnten, aber meine Mutter fütterte sie weiter mit Schokolade, bis sie sie mit ihren Zuwendungen umgebracht hatte. Meine Mutter nahm überhaupt nicht wahr, welchen Schaden sie damit anrichtete. Mit ihrem Bedürfnis, Zuwendungen zu verteilen, überforderte sie das Objekt, dem diese Zuwendungen zuteilwurden, und dabei hatte es rein gar nichts mit dem Objekt an sich zu tun. Uns Kindern ging es nicht anders als den Hunden meiner Mutter, die nichts weiter waren als herumlaufende Dekorationsgegenstände und nach ihren Zuwendungen schnappten, während das verwaiste Kind in mir sich dagegen zu schützen versuchte, dass es zwischen der ganzen Dekoration zerdrückt wurde. Es sollte fünfzig Jahre dauern, bis sich das verwaiste Kind damit auseinandersetzen konnte.
Sie sah nie die Hunde selbst, sondern nur ihre eigene Wohltätigkeit. Und sie war so überwältigt von ihrer eigenen Wohltätigkeit und so verliebt darin, dass sie diese plumpen, fetten Hunde weiter vergiftete, bis sie schmolzen wie Eis auf einem Hörnchen und an der Seite des Sofas im Wohnzimmer heruntertropften auf die weißen Hundehaare, die sie auf dem schwarzen Teppichboden hinterlassen hatten.
LUCILLE NEWMAN WAR PAULS TANTE, DIE FRAU VON ARTHUR NEWMAN SRS. BRUDER JOE.
Die beiden Newman-Jungs, Paul und Arthur Jr., mussten einsehen, dass ihre Mutter und ihr Vater beide gestörte Menschen waren. Gestört in dem Sinne, dass sie keinen Frieden fanden, keinen richtigen Frieden, niemals, und dass sie untergingen.
Wenn Art Sr. versucht hätte, sich scheiden zu lassen, hätte Tress, so wie sie charakterlich veranlagt war, etwas sehr Irrationales getan. Sie war ein einsamer Mensch, und manches, was sie tat, war einfach grausam.
Ich weiß nicht, wie Art Srs. Leben verlaufen wäre, wenn er eine andere Frau geheiratet hätte; da war wirklich eine enorme Anziehungskraft. Und für Tress bedeutete er eine Art Sicherheit. Ob sie ihn wirklich geliebt hat, weiß ich nicht. Aber sie konnte gar nichts wirklich lieben, außer diesem blinden, fetten Hund, den sie den ganzen Tag lang mit Süßigkeiten fütterte.
Auf meinen Vater wirkte sich die Ehe unter anderem dahingehend aus, dass er zum heimlichen Trinker wurde, zu einem Alkoholiker. Ich hatte immer gedacht, als er 1950 starb, wäre die Ursache Krebs gewesen. Aber erst vor Kurzem haben wir uns die Ergebnisse seiner Autopsie genauer angesehen und festgestellt, dass der Schaden an seiner Bauchspeicheldrüse, der zu seinem vorzeitigen Tod im Alter von sechsundfünfzig Jahren führte, in erster Linie vom Alkohol kam.
Es lief immer folgendermaßen ab: Die Geschäftsräume von Newman-Stern schlossen um 17.30 Uhr. Für den Fußweg zum Terminal Tower in Downtown Cleveland, von wo aus er den Schnellzug nach Shaker Heights nahm, brauchte mein Vater genau zwölf Minuten. So hatte er noch sieben Minuten Zeit für einen Zwischenstopp bei Fred Harvey’s, einer Bar, in die alle Geschäftsleute nach der Arbeit gingen, und da konnte er sich schnell ein paar Drinks genehmigen – zwei doppelte Bourbon mit einem Schluck Wasser zum Nachspülen. Dann lief er zum Zug, und wenn er nach Hause kam, ging er sofort nach oben und schenkte sich aus der Flasche Bourbon, die er im Schrank versteckt hatte, noch einen doppelten ein.
BABETTE NEWMAN WAR EINE DER SCHWÄGERINNEN VON ARTHUR NEWMAN SR.; SIE WAR MIT SEINEM BRUDER AARON VERHEIRATET.
STEWART STERN WAR EIN HOCH ANGESEHENER DREHBUCHAUTOR, UND ER WAR EINER VON PAULS BESTEN FREUNDEN.
LUCILLE NEWMAN: Tress erzählte mir mal, was Arthur manchmal gemacht hat: Nehmen wir an, es war ein Feiertag. Die Kinder waren natürlich zu Hause, und sie waren alle dementsprechend angezogen. Sie hatte ein schönes Essen vorbereitet, den Tisch gedeckt und so weiter, und dann ging er nach oben und zog sich die schmutzigsten alten, zerlumpten Sachen an, die er finden konnte, kam wieder runter und setzte sich so heruntergekommen an den Tisch.
BABETTE NEWMAN: Einfach nur sehr, sehr traurig. Da könnte man weinen.
LUCILLE NEWMAN: Das ist schrecklich.
STEWART STERN: Wogegen wollte er damit protestieren, frage ich mich. Gegen ihren Perfektionismus? Wollte er damit alles beschmutzen und wohnlicher machen? Könnt ihr euch das vorstellen?«
BABETTE NEWMAN: Also, ich habe Tress jedenfalls nie gesehen, ohne dass sie perfekt gewesen wäre. Ihr Haar war immer schön …
LUCILLE NEWMAN: Bis zu ihrem letzten Atemzug, und sie trug Perücken.
BABETTE NEWMAN: Vielleicht wollte er dagegen protestieren.
An manchen Haltestellen des Schnellzugs konnte man Zeitschriften, Süßigkeiten, Kaugummi und zu bestimmten Zeiten auch Bier kaufen, mit 3,2 Prozent Alkohol. Die Marke hieß Fort Pitt, und auf dem Etikett waren Cowboys und Indianer abgebildet. Eines Sonntagnachmittags, Arthur und ich waren ungefähr elf und zwölf, überredeten wir unseren Vater, uns eine Flasche zu kaufen. Wir nahmen sie mit nach Hause, und da machte er sie mit großem Brimborium auf, schenkte uns ein und prostete uns zu. Als ich den ersten Schluck trank, dachte ich: »Meine Güte, was für eine Qual ist denn das? Wie kann man nur etwas trinken, das so schmeckt?« Es schmeckte einfach schrecklich.
Meinen Vater beeindruckte das nicht. »Ihr wolltet es probieren. Also haben wir es gekauft. Es hat euch nicht geschmeckt. Aber jetzt trinkt ihr es am besten auf.« Ich trank mein Glas auf ex und schwor mir, dass ich nie wieder Bier trinken würde.
Ich wüsste nicht, dass Art und ich unseren Vater jemals richtig betrunken erlebt hätten. Wir wussten, dass er vor dem Essen erst mal abschalten musste, und Jahre später fanden wir leere Schnapsflaschen, versteckt in einer Nische in dem Durchgang zum Keller. Kein Wunder, dass er so oft in den Keller ging, um nach dem Heizkessel zu sehen. Außerdem fanden wir später haufenweise versteckte Zigarettenkippen. Arthur und ich hatten so manchen Tadel einstecken müssen, weil wir in unserem »Klub« oben auf dem Dachboden heimlich geraucht hatten, und dann stellte sich heraus, dass unser Vater selbst oft Zigaretten rauchte – obwohl er meiner Mutter geschworen hatte, dass er es nicht tun würde.
LUCILLE NEWMAN
Als Paul zusammen mit Arthur irgendwann um die Zeit von Tress’ Beerdigung noch einmal in das Haus ging, wollten die beiden sich zwei Dinge ansehen – erstens, ob die Dellen in der Wand, wo sie mit den Köpfen gegengeschlagen hatten, noch da waren, und ob das Loch in der Trennwand im dritten Stockwerk noch da war, wo sie immer ihre Zigaretten reingeschoben hatten, um nicht beim Rauchen erwischt zu werden.
Ich wollte nicht, dass Generationen von Newmans sich wegen Heimlichkeiten in alle möglichen Zimmer zurückziehen mussten. Wenn mein Sohn Scott Gras rauchte, rauchte ich es mit ihm zusammen. In den letzten Jahren habe ich mich manchmal gefragt, ob meine Alkoholprobleme, die mit der Zeit immer schlimmer wurden, und Scotts furchtbare Drogensucht...
Erscheint lt. Verlag | 26.10.2022 |
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Sprache | deutsch |
Original-Titel | The Extraordinary Life of an Ordinary Man – A Memoir |
Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
Schlagworte | 2022 • Berlinale • Berühmte Schauspieler • Biografie • Biographien • blaue Augen • Butch Cassidy • Cat on a Hot Tin Roof • Cinema • Der Clou • Die Farbe des Geldes • eBooks • Ehrenoscar • Elizabeth Taylor • Filmlegende • Friedensaktivist • Golden Globe • Hollywood • Hollywoodlegende • Hollywoodstar • hombre • James Dean • Jimmy Carter • Joanne Woodward • Katze auf dem heißen Blechdach • Kunst • Le Mans • Lungenkrebs • Marlon Brando • Nachlass • Neuerscheinung • Oscar • Oscarpreisträger • Porsche • Rennfahrer • Road to Perdition • Robert Redford • Rolex • Schauspieler • Sensationsfund • stahlblaue Augen • sundance kid • Superstar • Tennessee Williams • Überdosis |
ISBN-10 | 3-641-29734-6 / 3641297346 |
ISBN-13 | 978-3-641-29734-3 / 9783641297343 |
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