Krimi Sommer Paket 2020: Angesagte Morde: 1307 Seiten Thriller Spannung (eBook)
1307 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-3781-7 (ISBN)
Es war an einem Freitagabend Ende Juni. Was heißt Abend – Mitternacht war lange vorbei, und eine Menge Nachtschwärmer sammelten sich an der Theke und um die Tische der kleinen Bar in SoHo. Seit zwei Stunden saß ich dort.
Ich weiß nicht mehr, was mich an diesem Frühsommerabend nach SoHo verschlagen hatte. Ich weiß nur noch, dass die Bar Café Carré hieß, und dass ich allein war. Milo hatte sich damals einen Kurzurlaub gegönnt und war nach Hawaii gejettet.
Ein Bürotag lag hinter mir. Ermittlungsberichte, Verhörprotokolle, umfangreiche Schreiben an die Staatsanwaltschaft – lauter ungemein aufregende Jobs, auf die ich so scharf war wie auf einen Zahnarzttermin. Erst gegen zehn hatte ich die Federal Plaza verlassen.
Ein übler Fall war das, mit dem wir uns in den Wochen zuvor beschäftigen mussten. Wir hatten einen bundesweiten Ring von Sadisten auffliegen lassen. Pornohändler der übelsten Sorte. Sie hatten junge Mädchen umgarnt und zu Perversitäten gezwungen, die das Vorstellungsvermögen normaler Menschen überstiegen. Sogar Morde an den Mädchen hatten sie gefilmt und mit den Streifen Geschäfte gemacht.
Den ganzen Juni über war die Verhaftungswelle durch verschiedene Bundesstaaten gerollt. Dutzende von Männern wanderten hinter Gitter. Äußerlich brave Bürger zumeist – Familienväter, Geschäftsleute und biedere Männer, denen man auf den ersten Blick nicht einmal eine Geschwindigkeitsübertretung zugetraut hätte.
Die Beschäftigung mit den Verhörprotokollen und den Ermittlungsberichten hatte den Fall wieder auf meine innere Bühne geholt. Im Café Carré versuchte ich meinen Ekel herunterzuspülen. Mit dem einen oder anderen Bier.
Der Mann hinter der Theke fiel mir auf. Er erinnerte mich an ein Gemälde, das mir in meiner Schulzeit begegnet war – ungarische Reiteroffiziere, die in der Schlacht von Austerlitz Bonapartes′ Regimenter angriffen.
Wie einer dieser schnittigen Husaren sah der Wirt aus: Drahtig, nicht besonders groß, scharf geschnittenes, schmales Gesicht; akkurat gestyltes, dunkelblondes Haar und einen buschigen Schnauzer unter der geraden Nase.
Je länger ich ihn beobachtete, desto beeindruckender fand ich den Mann – seine Hände flogen über die Theke, sammelten leere Gläser ein und knallten frisch gefüllte vor die Gäste. Die Art, wie er die Zapfhähne bediente, hatte etwas von der Präzision, mit der Marines ihre schweren automatischen Waffen bedienten.
Jeder Handgriff saß, jeder Schritt schien tausendmal gemacht, die meisten Gäste an der Theke wurden mit Vornamen angesprochen, und seine Augen wanderten aufmerksam über die Tische.
Als ein Betrunkener zu randalieren begann, verließ der Husarenkellner ohne zu zögern die Deckung seiner Theke und setzte den Mann an die frische Luft. Ich begriff, dass er die unumstrittene Autorität im Café Carré darstellte.
Genauso zackig wie die Zapfhähne und die Spülbecken für die Gläser bediente er die Musikanlagen links neben dem Barregal. Lauter vertraute Töne der siebziger Jahren perlten aus den Boxen: Bob Dylans lakonisches Quäken, Mick Jaggers gierige Stimme, Joe Cockers selbstgefälliges Geschrei, Ginger Bakers Getrommel und Chris Reas melancholische Gitarrenläufe.
Je länger ich an der Theke saß, desto besser gefiel mir der Laden – eine Kneipe wie ein Wohnzimmervorposten. Der Gedanke, endlich nach Hause zu gehen verflüchtigte sich, und ich bestellte noch ein Bier.
Ein Mann kam herein – groß, blonder Lockenkopf, Body-Builder-Figur, mein Alter. Bereitwillig rückten die Leute zusammen und machten ihm Platz am Tresen.
„Hi, Simon‟, begrüßte ihn der Husar hinter der Theke. „Wie geht′s so?‟ Auch diesen späten Gast schien er gut zu kennen.
Ein paar Minuten später servierte er mir mein Bier. „Könnte es sein, dass Sie der Chef hier sind?‟, fragte ich.
„So ist es, Sir – und Sie sind entweder Auftragskiller, Journalist oder Bulle.‟
„Wie kommen Sie auf die Idee?‟ Ich verbarg meine Verblüffung, so gut es ging.
„Die Art, wie Sie hier sitzen und beobachten‟, grinste er. „Sie gehören zu der Sorte, die jeden Mitesser entdecken.‟
„Danke für das Kompliment‟, sagte ich. „Aber voll daneben – ich leite das Heim für minderjährige Mütter gleich um die Ecke. Doch da muss man auch ganz schön auf Draht sein.‟
Wir kamen ins Plaudern, und ich erfuhr, dass der Mann zehn Jahre älter war, als er aussah: Sechsundfünfzig. Und dass er seit zwölf Jahren die kleine Bar in SoHo betrieb.
Zu meiner Überraschung war er kein Manhattie. Auch kein Franzose, wie der Name der Bar mich einen Moment vermuten ließ. Und schon gar kein Ungar. Ein waschechter Deutscher stand vor mir. Die Liebe hatte ihn in jungen Jahren nach New York City getrieben. Er war eine Zeitlang mit einer Hotelbesitzerin aus Brooklyn verheiratet gewesen.
Er gab mir einen Whisky aus. „Werner aus Düsseldorf, good old Germany‟, sagte er.
„Jesse aus Harpers Village, Connecticut.‟ Ich stieß mit ihm an. Das Café Carré gefiel mir immer besser.
Der Abend wurde lang. Und ein bisschen feuchter als geplant. Es muss so drei oder halb vier Uhr morgens gewesen sein, als ich mich mit Handschlag von Werner verabschiedete und in die laue Nacht hinaustrat.
Natürlich war es noch stockdunkel, und abgesehen von einer fernen Patrol Car-Sirene herrschte Stille auf der nur mäßig beleuchteten Sullivan Street.
Es war diese schwere Stille, die man nur in den letzten Stunden vor Sonnenaufgang spüren kann. Eine Stille, als hätte sich die Nachtluft über dem Big Apple mit den Träumen seiner Millionen Tiefschläfer vollgesogen.
Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, mir ein Taxi zu rufen. Doch die Treue zu meinem neuen Sportwagen behielt die Oberhand. Ich brachte es nicht übers Herz, das gute Stück einsam und allein in SoHo zurückzulassen. Also schlenderte ich an der dunklen Fassade des Hauses entlang und bog dann in die Rundbogeneinfahrt zum Hinterhof ab. Dort gab es einen kleinen Parkplatz für Gäste des Café Carré.
An einem der Hauswände hing eine alte Laterne. Eine jämmerliche Funzel, die kein nennenswertes Licht auf die beiden Parkreihen warf. Plötzlich meldete sich meine berühmte innere Stimme. Augen auf, Trevellian, schien sie unter meinem Zwerchfell zu raunen.
Ein ungutes Gefühl fiel über mich her, noch bevor ich den Schatten neben meinem Sportwagen sah. Ich beschleunigte meinen Schritt.
„Wenn Sie die Haustür suchen, probieren Sie es mal draußen auf der Straße!‟ Ich sprach laut. Vielleicht, um meine eigene Erregung zu dämpfen.
„Oder klimpern Sie da mit einem Wagenschlüssel herum? Dann nehmen Sie eine der anderen Kisten.‟ Ich drängte mich durch die eng geparkten Wagen. „Ich bin ein bisschen empfindlich, was mein Auto betrifft ...‟
Der Schatten bewegte sich nicht mehr. Und plötzlich war er verschwunden.
Ich blieb stehen und lauschte. Das trübe Licht von der Hauswand hinter mir spiegelte sich im Lack einiger Autos vor mir. Sonst war es fast dunkel auf dem Hinterhof.
Von irgendwoher meinte ich, das Rascheln von Stoff zu hören. Dann klatschten Schuhsohlen über Asphalt. Ehe ich mich umdrehen konnte, klemmte mir jemand von hinten einen Arm um den Hals. Ich wurde umgerissen. Drei, vier Gestalten tauchten plötzlich zwischen den parkenden Wagen auf.
Ich rammte meinen Ellbogen gegen den Körper hinter mir. Für Sekunden lockerte sich der Schraubstock um meinen Arm. Ich griff nach meiner SIG. Doch im nächsten Augenblick packten Hände meine Arme und rissen sie zurück.
Die dunkle Gestalt eines Mannes baute sich vor mir auf. Ich sah eine Lederjacke, ich sah langes Haar, ich sah ein junges, dunkelhäutiges Gesicht, und ich sah eine Klinge.
Ohne nachzudenken rammte ich dem Kerl den Absatz in die Weichteile. Er taumelte zurück in die Dunkelheit. Doch schon stürmten an seiner Stelle zwei andere Burschen auf mich ein. Einer mit Messern bewaffnet, der andere schwang eine schwere Kette.
Ich stieß mich vom Boden ab, warf mich nach hinten und riss Kerle, die mich festhielten, auf den Asphalt. Die Kette zischte über mir durch die Luft und knallte auf das Dach eines Wagens.
Mit der rechten Handkante traf ich den zappelnden Burschen rechts neben mir am Kehlkopf, den links neben mir riss ich auf meinen Körper, knallte ihm die Stirn gegen die Nase und stemmte ihn mit beiden Beinen den anderen Angreifern entgegen.
Jemand stöhnte, jemand stieß einen Schrei aus, die Kette klirrte, und menschliche Körper prallten gegen eine Karosserie. Blitzschnell war ich auf den Beinen und riss meine SIG Sauer heraus.
Dann Scharren und Keuchen hinter mir. Ich wirbelte herum. Zwei Schatten stürmten auf mich ein. Der ganze Parkplatz schien voller Angreifer. Ich warf mich zur Seite und rutschte über eine Kühlerhaube.
Im...
Erscheint lt. Verlag | 29.2.2020 |
---|---|
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
ISBN-10 | 3-7389-3781-1 / 3738937811 |
ISBN-13 | 978-3-7389-3781-7 / 9783738937817 |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 1,5 MB
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich