Margos Töchter (eBook)
400 Seiten
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH
978-3-462-32090-9 (ISBN)
Cora Stephan ist seit vielen Jahren freie Autorin und schreibt Essays, Kritiken, Kolumnen - und Bücher. Ihr Roman »Ab heute heiße ich Margo« erschien 2016 bei Kiepenheuer & Witsch. Neben zahlreichen Sachbüchern hat sie unter dem Pseudonym Anne Chaplet preisgekrönte Kriminalromane veröffentlicht, u.a. »In tiefen Schluchten« (2017) und »Brennende Cevennen« (2018).
Cora Stephan ist seit vielen Jahren freie Autorin und schreibt Essays, Kritiken, Kolumnen – und Bücher. Ihr Roman »Ab heute heiße ich Margo« erschien 2016 bei Kiepenheuer & Witsch. Neben zahlreichen Sachbüchern hat sie unter dem Pseudonym Anne Chaplet preisgekrönte Kriminalromane veröffentlicht, u.a. »In tiefen Schluchten« (2017) und »Brennende Cevennen« (2018).
Teil 1
Jana
Osterholz, Herbst 2011
Jeder Mensch hat eine Mutter. Jana Seliger hatte zwei. Eine war ihr nah, obwohl sie fern war, von der anderen wusste sie nur, dass sie von zweifelhaftem Charakter sein musste. An die eine dachte sie oft. An Leonore. Die andere hatte sie zu vergessen versucht. Bis heute.
Der Samstag hatte in himmlischer Ruhe begonnen. Max war übers Wochenende in Berlin geblieben, und die Kinder machten mit der Klasse einen Schulausflug. Jana trank in Ruhe Kaffee und genoss die Stille. Nur die Spatzen lärmten draußen in der Kletterhortensie. Sie hatte alle Zeit der Welt. Es gab nichts Dringendes zu erledigen, außer dem, was man so treibt, wenn man mal nicht zur Arbeit muss. Einkaufen. Aufräumen. Durch den Garten schlendern und an den Rosen riechen. Für alles andere beschäftigten sie einen Gärtner, Max hatte keine Zeit für »so was«, und sie erst recht nicht, obwohl sie Spaß daran hätte. Aber es gab ja nicht nur den Beruf, ihr Mann überließ ihr meistens auch die Kinder.
Max war oft in Berlin. Dort saß der wichtigste Kunde ihrer Firma, das Fraunhofer IPK, mit dem hatte Maxdatex einen dicken Fisch an Land gezogen. Maxdatex war für innovative Softwarelösungen bekannt, und Max galt als so unentbehrlich, dass er manchmal auch übers Wochenende blieb, es gab ziemlich oft ein Softwareproblem, das angeblich nur er lösen konnte. Ob das die ganze Wahrheit war? Lieber nicht darüber nachdenken.
Sie stand auf, ging in den Flur und öffnete die Haustür. Die Morgensonne ließ den Steinfußboden tiefrot glänzen, ein kühler Wind wehte weiße Rosenblätter herein. Frieden. Dafür sorgte der Geist des Hauses, und der war ihnen wohlgesonnen. Es war der Geist von Margo und Henri Seliger, der Großeltern.
An ihren ersten Besuch hier in Osterholz erinnerte sich Jana nicht, natürlich nicht, 1979 war sie noch nicht einmal zwei Jahre alt gewesen. Es war wohl auch besser, sich daran nicht zu erinnern.
An spätere Besuche dachte sie gern, sie war oft hier gewesen, bei den Großeltern, im alten Kotten in der Moosbeeke 9, den die beiden vor einem halben Jahrhundert vor dem Verfall gerettet hatten. Und im Garten, Margos Paradies, in dem zu jeder Jahreszeit etwas blühte, von gelbem Winterjasmin und zartem Hamamelis bis zu den späten Rosen.
Von Margo hatte sie die wohlklingenden Namen der Pflanzen gelernt, die deutschen und die botanischen, von Henri Gedichte. Sie war ihm oft gefolgt, wenn er mit der Schaufel über der Schulter durch den Garten ging, ganz so wie das Rotkehlchen, das begriffen hatte, dass Würmer und anderes Getier zutage traten, wann immer er die Schaufel ansetzte. Henri behandelte Jana stets wie eine Erwachsene, und er wusste für jede Gelegenheit ein Gedicht, von Eugen Roth oder Christian Morgenstern oder Theodor Storm. Sicher, Margo war die Strategin, sie plante, wälzte Pflanzenkataloge, orderte Stauden, Sträucher, Bäume. Doch Henri erledigte die Arbeit mit Schaufel, Harke, Rasenmäher, mit immer gleicher Freude und Bereitschaft.
Als Studentin in Berlin hatte sich Jana für eine Großstadtpflanze gehalten und sich nicht vorstellen können, einmal hier auf dem Land zu leben. Dabei war es das beste Geschenk, das die Großeltern ihr und Max machen konnten.
Sie setzte sich auf die Bank neben der Haustür und sog die kühle Morgenluft ein, als draußen eine Wagentür zuschlug. Max! Ihr Herz schlug höher, er war zurück. Nein, war er nicht. Das Auto fuhr bereits wieder weg, und es klang auch nicht nach dem BMW von Max, sondern nach dem VW des Postboten. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Es wäre auch zu schön gewesen, ein ganzes Wochenende mit ihrem Mann verbringen zu dürfen.
Nach einer Weile stand sie auf, nahm den Schlüssel vom Schlüsselbrett und ging zum Tor. Ein Brief lag im Kasten, an Jana Seliger, das graue Kuvert sah nach einem Behördenschreiben aus, war sie mal wieder zu schnell gefahren? Sie drehte den Umschlag um. Der Absender überraschte sie. Dass sie einen Brief vom Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen bekam, war ungewohnt, man telefonierte normalerweise miteinander, schließlich arbeiteten sie seit Jahren an einem gemeinsamen Projekt. Und warum war der Brief an sie und nicht an Maxdatex adressiert?
Das Projekt war ihrem Softwareunternehmen Maxdatex, eingetragen auf Jana Seliger und Max Bajohr, damals wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen, auch, aber nicht nur aus ökonomischen Gründen: Sie sollten als externe Berater am »e-Puzzler« mitwirken. Das war ein vom Berliner Fraunhofer IPK entwickeltes Computerprogramm, mit dem man die Hinterlassenschaft des MfS aufarbeiten und die Geheimnisse entschlüsseln konnte, die in den Millionen von Schnipseln steckten, in die Stasileute nach dem November 1989 viele der Akten zerrissen hatten, erst mit dem Reißwolf und dann, nachdem einer nach dem anderen heiß gelaufen war, mit der Hand. Der »e-Puzzler« vermochte eingescannte Schnipsel zu erkennen, zu sortieren und zusammenzufügen. Eine phantastische Sache. Ein Abenteuer. Und auch wenn das ein wenig makaber klang: Sie hatten es damals für eine Art Schatzsuche gehalten. Allerdings gab es im Laufe der Zeit mehr Probleme als Erfolge.
Sie riss den Brief auf und zog das graue Behördenpapier heraus, während sie zurück zum Haus ging.
»Bezugnehmend auf Ihre Anfrage vom 7. März 2002«. Das war mehr als neun Jahre her, mit einer Antwort hatte sie längst nicht mehr gerechnet. Jana ließ sich auf die Bank neben der Haustür fallen, plötzlich atemlos. Sie hatte den Antrag auf Einsicht in Unterlagen des MfS, Leonore Seliger betreffend, kurz nach der Unterzeichnung des Vertrags mit dem Fraunhofer IPK gestellt.
Max hatte es stets abgelehnt, bei der Stasiunterlagenbehörde einen Antrag auf Auskunft über seinen Vater Jon Bajohr zu stellen. »Vergangen ist vergangen.« Er arbeitete an dem Projekt, weil es eine Herausforderung war, nicht, weil er wissen wollte, was das Ministerium für Staatssicherheit in seinem Wahn, die eigenen Bürger zu kontrollieren, über sie herausgefunden und gesammelt hatte – und erst recht nicht, was die Stasi über den Gegner im Westen in Erfahrung gebracht hatte. »Was geht es mich an, welche seiner Sekretärinnen mein Vater gevögelt hat?«
Jon Bajohr war kein treuer Ehemann gewesen. Manchmal, wenn sie an allem zweifelte, am Leben, an der Welt, an der Möglichkeit, glücklich zu sein, fragte Jana sich, ob sein Sohn ihm auch darin ähnlich war. Ganz gewiss hatte Max den Unternehmergeist seines Vaters geerbt, Weitblick verbunden mit der Lust am Risiko. Vielleicht auch mit der Lust am Seitensprung?
Sie hatte ihm von ihrem Antrag auf Akteneinsicht nichts erzählt, auch nichts von der Antwort der Behörde, derzufolge es laut Kartei einen Vorgang gab. Jetzt aber hatte man mehr als nur einen Vorgang gefunden, jetzt gab es auch die dazugehörige Akte.
Sie ließ den Brief sinken, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Über dem Wäldchen am Horizont kreiste ein Greifvogel und schrie. In der Ferne hörte man die Kirchturmglocken vom Nachbarort. Jana dachte an Leonore Seliger, die eine, die einzige, die wahre Mutter, auch wenn sie nicht die leibliche war.
Sie würde zur Akteneinsicht nach Berlin fahren müssen. Was würde sie dabei erfahren? Etwas, das sie lieber nicht wissen wollte? Oder käme dann endlich heraus, warum Leonore gestorben war, gerade mal zweiundvierzig Jahre alt?
Ein Tag im Mai. Jana ist dreizehn, als sie zu den Großeltern fahren, Leonore und sie, ohne Alexander, die Eltern haben sich furchtbar gestritten. Alexander hat sich in eine andere Frau verliebt, und die ist schwanger geworden. Jana hat noch den Schrei ihrer Mutter in den Ohren: »Ihr hast du ein Kind gemacht! Obwohl du weißt, dass ich keine mehr bekommen kann!« Deshalb also bin ich ein Einzelkind geblieben, dachte sie damals.
Sie stand auf, holte ihre Handtasche mit dem Autoschlüssel und schloss die Haustür hinter sich ab. Ein leichter Wind spielte in den Zweigen der Buchen, es roch nach Herbst, nicht nach Feuchtigkeit und verrottendem Laub, sondern nach reifen Äpfeln und nach Rosen, die ein letztes Mal in diesem Jahr in unfassbarer Fülle blühten.
Sie wollte nicht mit leeren Händen kommen, griff nach der Gartenschere, die sie gestern auf der Bank liegengelassen hatte, und ging über die Wiese hinauf zum Rosenspalier. Unter dem Baum lagen die letzten Äpfel, kleine, knorzige Boskop, die der Wind über Nacht von den Zweigen geschüttelt hatte. Zwei hob sie auf. Von der weißen Kletterrose am Rosenspalier schnitt sie drei Zweige ab.
Dann ging sie zurück zum Haus, legte die Schere wieder auf die Bank, öffnete das Gartentor, ging zurück zur Garage, stieg in ihren Kombi und fuhr auf die Straße hinaus, Richtung Ostercappeln. Hier musste auch Leonore entlanggefahren sein, an diesem Tag im Mai 1991. Sie hatte in Osnabrück etwas erledigen wollen. Worum es sich handelte, hatte sie nicht verraten. Kurz vor Ostercappeln musste sie auf die B 51 abgebogen sein, Richtung Osnabrück. Sie hatte noch gut sieben Kilometer zu leben. Auf der Höhe von Belm überquerte ihr Auto die Mittellinie und fuhr frontal in einen entgegenkommenden Lkw. Dessen Fahrer überlebte. Leonore nicht. Sie war nicht angeschnallt gewesen.
Jana war nie darüber hinweggekommen, dass ihre Mutter sie aus freiem Willen alleingelassen hatte. Aber vielleicht war es kein freier Wille gewesen?
Die Äpfel und die Rosen auf dem Beifahrersitz verströmten einen Duft, wie ihn nur der Herbst kannte. So riecht Abschied, dachte Jana. Wie in Trance fuhr sie die vertraute Strecke...
Erscheint lt. Verlag | 8.4.2020 |
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Verlagsort | Köln |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Ab heute heiße ich Margo • Anne Chaplet • DDR-BRD • Familiengeschichte • Lebenswege • Margo Band 2 • Mutter-Tochter-Beziehung • Ostdeutschland • RAF • Stasi • Zeitgeschichte |
ISBN-10 | 3-462-32090-4 / 3462320904 |
ISBN-13 | 978-3-462-32090-9 / 9783462320909 |
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