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Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen (eBook)

eBook Download: EPUB
2016 | 1. Auflage
142 Seiten
periplaneta (Verlag)
978-3-95996-014-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen -  Philipp Multhaupt
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Eine Detektivgeschichte über die Liebe, so ehrlich, melancholisch und traurig, dass man sich wünscht, sie wäre wahr. Jan ist vierzehn - oder so - und liest gern Detektivromane. Unbeachtet von seinen Eltern streift er mit einer Kamera, die er vom Dachboden seines Onkels gestohlen hat, durch seine kleine Stadt und fotografiert tote Katzen. Nebenbei wünscht er sich eine Schrecklich Traurige Freundin. Als er eines Mittwochs im Erdkundeunterricht Claudias Blick begegnet, scheint sein Wunsch endlich in Erfüllung zu gehen. Eine hinreißender Roman voll philosophischer Weisheiten über die Liebe, die Stärke mutiger Tage und die Unsicherheit junger Menschen in einer Welt voller gleichgültiger Erwachsener.

1
Familienporträt mit Antiquaren
und Sandwiches


Als ich vierzehn war oder so, ging ich mit meiner Kamera auf Streifzüge durch die Nachbarschaft und schoss Fotos von toten Katzen. Die meisten waren unter die Räder geraten und lagen in der Mitte leerer Sommerstraßen, ihre Eingeweide über den Asphalt verteilt. Manchmal schon in angegrauten Farbtönen, manchmal noch schimmernd in den blauen und grünen und metallenen Chitinfarben der Schmeißfliegen, die die Kadaver umschwärmten, darauf aus, sich zu paaren, ihre Eier abzulegen und Leben zu schaffen. Andere waren wohl einfach verhungert, manche zu Tode gekratzt, gebissen, getreten worden, Opfer feliner Bandenkriege oder menschlicher Reizbarkeit. Nur in einigen Fällen schien es keine feststellbare Todesursache zu geben und die betreffenden Tiere blieben ein Rätsel und bewahrten sich damit ihre Würde im Tod. Das waren diejenigen, bei denen ich mir die Mühe machte, sie zu beerdigen.

Die Kamera war gestohlen. Ich hatte sie bei meinem Onkel Giorgio auf dem Dachboden gefunden, wo ich nach der Schule einen guten Teil meiner Zeit damit verbrachte, die Krimis und Detektivromane zu lesen, die dort dutzendweise eingelagert waren, mit fusseligen Bastschnüren zu Paketen zusammengebunden.

Mein Vater, ein Universitätsprofessor und Sammler wertvoller Bücher, hätte das nicht gutgeheißen, hätte er davon gewusst. Er verbrachte die meiste Zeit zu Hause in seinem Studierzimmer und ging dort seine neuesten Erwerbungen Seite für Seite durch, um ihren Zustand zu evaluieren. Zu diesem Zweck hatte er ein spezielles Brillengestell für sich anfertigen lassen, das ihm erlaubte, ein Vergrößerungsglas in eine vor der rechten Linse angebrachte Fassung zu montieren. Und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, das Vergrößerungsglas dort zu belassen, ganz egal, ob er gerade Bücher evaluierte oder nicht.

Ich erinnere mich, wie er mich über den Esstisch hinweg anzuschauen pflegte, sein rechtes Auge zu grotesk zyklopischen Proportionen erweitert, ohne ein Wort zu sagen. Ich bekam dabei immer das Gefühl, dass er direkt in meinen Kopf und mein Herz sehen konnte, dass er mich beobachtete, wo ich auch hinging und was ich auch tat, und dass er alles über mich wusste, mehr noch, als ich mir selbst bewusst war.

Tatsächlich wusste er aber überhaupt nichts von mir oder von dem, was mich bewegte, noch zeigte er gesteigertes Interesse daran. Er saß den ganzen Tag in seinem Studierzimmer und las, oder er empfing hagere Antiquare mit Drahtbrillen und verlegenen Grübchen um die Mundwinkel. Einer oder zwei waren fast immer zugegen in unserem Haus; manchmal besetzten sie eine halbe Stunde lang das Badezimmer, weil sie auf der Toilette lasen, oder man erwischte sie lange nach Mitternacht in der Küche, wo sie sich einen Löffelvoll Marmelade einverleibten.

Währenddessen ging meine Mutter zur Arbeit. Ich wusste damals nicht – und bin mir noch heute nicht sicher – in welchem Berufsfeld sie tätig war, nur, dass ihre Tätigkeit Unmengen von Büroklammern und Kugelschreibern verschlang, dass sie genug Zeit hatte, geschäftliche Anrufe entgegenzunehmen, selbst wenn sie zu Hause war, und dass ihr keine Zeit blieb, irgendetwas anderes zuzubereiten als Sandwiches.

Es gab Sandwiches zum Frühstück, Sandwiches zum Mittag und Sandwiches zum Abendbrot. Und obwohl ich nicht behaupten kann, dass es besonders schlechte Sandwiches waren, fürchte ich, ich kann meiner Mutter weder kulinarischen Ideenreichtum noch Ideenreichtum irgendeiner anderen Art zubilligen.

Als Akt der Rebellion gegen die häuslichen Zustände kaufte ich also nach Schulschluss gern einen Schokoriegel oder eine Tüte Erdnüsse am Zeitungskiosk gegenüber der Schule und schlenderte dann zu Onkel Giorgios Haus, erklomm die große Ulme im Vorgarten und gelangte durch ein kleines Viereck von Fenster, das immer offenstand, auf den besagten Dachboden.

Onkel Giorgio musste das Fenster einmal geöffnet, aber dann wohl vergessen haben, es wieder zu schließen, bevor er zurück nach unten ging. Seither hatte er den Dachboden anscheinend nicht mehr betreten; vielleicht hatte er Angst, dort in einen Hinterhalt zu geraten. Wenn es regnete, kam der Regen durchs Fenster und weichte die Stapel alter Zeitungen und Schundhefe auf, und wenn es windig war, kam der Wind herein und durchblätterte die vergilbten, welligen Seiten. Wenn aber die Sonne schien, kam ihr Licht niemals so ganz herein, und das machte Onkel Giorgios Dachboden zu einem perfekten Ort für das Lesen von Detektivromanen.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ein Wort oder zwei in eine Erklärung der Tatsache investieren, dass ich mich auf diese Art in das Haus meines armen Onkels schlich, anstatt die Vordertür zu nutzen und ihn mit einem ordnungsgemäßen Besuch zu erfreuen. Es war nicht so, dass ich ihn nicht mochte, er war eine gute Seele auf seine Art, das sagte jeder, aber wie es so ist mit guten Seelen, war er trotzdem nicht gerade ein vergnüglicher Umgang. Er war alt und einsam und paranoid, und bei jedem Klopfen an der Tür oder auch nur beim Geräusch eines Briefes, der in seinen Briefkasten fiel, begann das Adrenalin durch seine Venen zu pumpen und er vermutete Gangster und Auftragsmörder und die Polizei da draußen, oder eine Briefbombe von einer der beiden erstgenannten Parteien, oder einen Haftbefehl von der dritten.

„Ich höre die Sirenen, Junge“, sagte er einmal in fatalistischem Ton zu mir, als ich neben ihm auf der Wohnzimmercouch saß, während eines Familienbesuches, an dessen Anlass ich mich nicht erinnere, und darauf wartete, dass meine Mutter oder mein Vater, ich weiß nicht wer, aus dem Badezimmer zurückkommen würde. Und ich nickte mit tiefstem Ernst und bat ihn nicht um eine Erklärung dieser kryptischen Bemerkung, weil ich stolz auf das Vertrauen war, das er offenbar in mich setzte, zu verstehen, wovon er sprach.

Vielleicht waren diese paranoiden Anwandlungen die Folgen des Älterwerdens, und auch der Unmengen an Kriminalgeschichten, die er auf dem Dachboden einlagerte und einst selbst mit größter Begeisterung gelesen haben musste. Um ihm die Aufregung zu ersparen, und mir selbst das Unbehagen, damit umgehen zu müssen, kam und ging ich unsichtbar über seinem Kopf. Vermutlich hätte er einen sofortigen Herzschlag erlitten, wäre er jemals auf den Dachboden gestiegen und hätte mich dort vorgefunden.

Aber ich hatte einen Plan für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich jemals seine Schritte auf der Dachbodentreppe hören würde: Ich würde mich dann unter dem Haufen Frauenkleider verstecken, den meine Tante Felicia hinterlassen hatte; dünne, seidige, schleierartige Kleider und Blusen und Tücher, die Art Gewandung, in die die Phantasie einen Geist kleidet.

Wahrscheinlich war das der Grund, warum mir mein eigener Entschluss nicht behagte, und ich hoffte, ich würde ihm niemals folgen müssen. Ich hielt mich für gewöhnlich fern von dem Kleiderhaufen, denn er pflegte mir den melancholischen Schauer über den Rücken zu jagen, den alte Geistergeschichten hervorrufen können.

Meine Tante Felicia war Jahre zuvor gestorben. Selbst die wenigen Erinnerungen, die ich an sie hatte, waren verschwommen und traumartig und verschleiert, was den unheimlichen Eindruck, den ihre abgelegten Kleider auf mich machten, noch verstärkt haben mochte.

Es hieß, mein Onkel Giorgio habe sie nie geliebt; es hieß, mein Onkel Giorgio liebte Männer in engen Badehosen. Vielleicht war das der Grund für die Paranoia, die er in den späten Tagen seines Lebens hegte, und dafür, dass jedes Klopfen an der Tür ihn vermuten ließ, man werde ihn mitnehmen oder an Ort und Stelle erschießen. Vielleicht fühlte er sich einer Sache schuldig, die er selbst nicht benennen konnte.

Die Kamera war eine dieser alten Kameras, eine schwarze Montag; nicht ganz das, woran man denkt, wenn jemand von alten Kameras spricht, aber nah dran. Ich hatte sie in einem muffig riechenden Karton gefunden, in der Erwartung, er werde noch mehr Schundliteratur enthalten, aber von der Kamera abgesehen war er bis zum Rand gefüllt mit linken Socken. – (Ich bin mir heute noch sicher, dass es irgendwo auf dem Dachboden einen Karton voller rechter Socken gegeben haben muss, so wie alles im Leben sein Gegenstück hat.)

Ich nahm an, dass mein Onkel die Kamera nicht vermissen würde; es scheint unwahrscheinlich, dass ein unter einem Haufen Socken vergrabener Gegenstand von irgendjemandem vermisst werden könnte. Also nahm ich sie mit nach Hause. Und während mich mein Vater an diesem Abend über den Esstisch hinweg mit seinem allwissenden Zyklopenauge musterte, während meine Mutter einen Anruf im angrenzenden Raum entgegennahm und einer der stets präsenten Antiquare mich schüchtern bat, ihm ein Gurkensandwich zu reichen; während all dessen dachte ich an meine Montag, die oben in meinem Zimmer unter dem Bett versteckt lag, und fühlte den Triumph über meinen Vater, als mir klarwurde, dass er von ihrer Existenz nichts wusste.

Ich ging nicht davon aus, dass die Kamera noch funktionstüchtig sei, aber ein paar Tage später kaufte ich bei Herrn Beckett, dem Besitzer des einzigen Fotoladens unserer Stadt, einen Film und legte ihn ein und fand heraus, dass sie es war.

Und dann passierte die Sache mit Frau Dillingers Katze und setzte andere Dinge in Bewegung, die ich mir durch den Bericht, den zu geben ich mich jetzt anschicke, zu erklären versuche.

Frau Dillinger war unsere Nachbarin, eine Witwe, deren Bild in meinem Kopf irgendwie mit der Erinnerung an meine Tante Felicia zusammengeflossen war. Alles hat, wie gesagt, sein Gegenstück im Leben; und als ich vierzehn war oder so, waren in meinem Denken immer...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2016
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Fantasy / Science Fiction Fantasy
Literatur Fantasy / Science Fiction Science Fiction
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Fantasie • Fotografie • Geheimnis • Hugo Cabret • Liebe • Magie • Melancholie • Philosophie • Roman
ISBN-10 3-95996-014-X / 395996014X
ISBN-13 978-3-95996-014-4 / 9783959960144
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